U 18 kontro + Zusam
U 18
Tja, man sollte abends nie Zigaretten vom Kiosk holen. Das kann weit führen, sehr weit.
Nun gut, es war der 12.10.1992 und ich hatte den WTG-Job schon länger an den Nagel
gehängt und dachte eigentlich gar nicht mehr daran. Dass die Vergangenheit nicht nur
verweilt sondern auch schnell sein kann, war mir nicht so bewußt. Da ich langsam war,
holte sie mich nach und nach ein und hatte mich an jenem denkwürdigen Abend zu
fassen.
Ich wollte nur schnell zum Kiosk und dann in den Probe-Raum, um mit NoSpots eigene
Stücke zu proben – doch so weit kam es dann nicht.
Ich wollte an der Kiosk-Klappe gerade bezahlen, als ein Typ um die Ecke kommt und
fragt:“Hallo Alfons wie geht’s denn so?“ Kennt ihr das Gefühl, wenn plötzlich alles
komisch bis surreal wird und ihr ahnt noch nicht weshalb? Außerdem hatte ich das
Gesicht noch nie gesehen, kein Wunder, der Typ entpuppte sich als Zivilfahnder. Mit oben
gesprochenen Worten klickten auch schon die Handcuffs bei mir und ein zweiter Zivi den
ich erst jetzt bemerkte, unterstütze die Aktion. „Keine Panik, Sie sind nur festgenommen
und können sich später dazu äußern – und: haben Sie Waffen bei sich“?, als ich verneinte,
begannen ihre Gesichtszüge Lenorcharakter zu bekommen. Die wie in Granit
gemeißelten Gesichter wurden freundlicher.
Im Grunde war mir klar, um was es ging, aber als Beschuldigter kann man lügen, erfinden
oder sonst was – z.B. einen Herzinfarkt simulieren. Es soll Leute geben, die das perfekt
beherrschen und im Notarztwagen entkommen – der Vorteil liegt auf der Hand. Sie
können so schnell fahren wie sie wollen. Doch wenn man sich dann gezielt absetzen will
und ein Versteck sucht, sollte man das Martinshorn dann doch abschalten.
Ich konnte nicht mehr entkommen und einen Infarkt zu simuliern hatte ich noch nie
geprobt. Außerdem schienen mir die beiden ganz symphatisch, ja das möchte der
geneigte Leser gar nicht wahrhaben, doch so war es. Vielleicht litt ich auch unter einer
Art „Stockholm-Syndrom“ bloß andersherum. Egal, also Rauchen ist nicht zuträglich und
kann zu Gefängnis führen.
Ein Butsche von ca. 8 Jahren und natürlich Maren, die Kiosk-Besitzerin, waren
unausweichlich Zeugen dieser Szene. Ich glaube, der Junge dachte in diesem Moment,
oh, es wird hier in Eimsbüttel und noch dazu im Hellkamp, ein Film gedreht und
irgendwie sah er ein wenig so aus, als wolle er sich als Komparse hierfür bewerben.
Aber da die Einwilligung der Eltern nicht vorlag, na ja Shit happens. Marion dagegen war
aus einem anderen Holz, sie war ja auch älter und erfahrener und an einem Kiosk, wie
diesem, sind schon ’ne Menge schräger Geschichten abgegangen.
Sie hatten mich und fuhren zur nächsten Verteilstelle. Polizeiwache Troplowitzstr.
Ja, ich wurde gefahren, Ich stellte mit vor, wie es 200 Jahre früher war und dann
vielleicht auch noch in Amerika und mit ganz großem Pech wäre ich noch ein Schwarzer
gewesen. Ich glaube der Blues wäre viel früher erfunden worden.
In der Troplowitzstr. kam ich, nach einer kleinen Begrüßungszeremonie, in eine
Einzelzelle mit Edelstahl-Klo. Alles ganz rund – keine Verletzungsgefahr – jetzt bloß
keinen Suizid, denken die Beamten immer. Der sogenannte Verhaftungsschock kann zu
außergewöhlichem Verhalten führen. Ehrlich bei mir war das überhaupt kein Thema. Was
ich feststellte war, dass ich noch 2 Gramm Dope in der Tasche hatte und mir gesagt
habe, bevor die das finden, fress ich den ganzen Quatsch und hoffe, dass ich eine
angenehme Zeit verleben würde. Ich ging also stocknüchtern und wahrscheinlich sehr
gut aussehend in die Zelle und kam später als völlig zugedröhntes Wrack wieder raus.
Dr. Jekkil verwandelte sich in Mr. Hyde und das nur in einer Gefängniszelle.
Leute, der Beamte tat mir leid. Er wußte gar nicht, wie er reagieren sollte – allein ich
machte ihm die Sache leicht. „Es geht mir, es geht mir gut, machen sich mal keinen
Kopp, außerdem habe ich keine Waffen!“ Das machte ihn schlagartig wieder wach.
Stichwort: Waffen. Obwohl ich ausdrücklich betonte, dass ich keine Waffen besaß,
machte ihn das völlig kirre. Ich hatte den Eindruck, dass allein das Aussprechen des
Wortes „Waffe“ meine Persönlichkeit zur Waffe machen würde. So eine Art Voodoo, huhu,
ganz geheimnisvoll, tja und wenn man nicht aufpasst sind wir ganz schnell wieder bei
den Schwarzen. Ich erinnerte mich spontan an eine Situation mit meinem UraltFreund
Peter. Der hatte Eltern, die mindestens gutbürgerlich waren, aber in einer Hochhaus
Siedlung wohnten – die hatten den Gedanken begriffen, dass eine gut durchwachsene
Siedlung mit allen Berufsgruppen eine lohnenswerte Sache sei.
Es war zur RAF-Hochzeit. Anschläge und Entführungen waren quasi an der Tagesordnung
und Namen wie Gudrun E., Andreas B. Oder Ulrike M. seien dämonisch.
So! Peter hat einen Aufkleber in der Titanic, glaub ich,gefunden, der besagt eindeutig:
„Ulrike Meinhoff hat bei mir noch nie übernachtet“ an die Tür geklebt. Allein, dass
dieser Name an der Zimmertür ihres flüggen Sohnen stand, machte sie fassungslos. Ich
war zufällig dabei, weil ich ihn zum Kiffen abholen wollte. Die Eltern konnten nicht
glauben, dass dieser Name natürlich auch in der gesamten Wohnung sichtbar war. Ein
Eklat drohte. Doch Peter sagte ganz kühl:“hier steht es doch schwarz auf Weiß: Sie hat
NICHT bei mir übernachtet.
Und das klingt auch immer wie vor Gericht: ich bin doch NICHT schuldig. Peter hatte
natürlich recht, heute würden wir darüber lachen oder auch nicht, weil die meisten
Nachgeborenen den Namen gar nicht kennen. Ich habe über diesen Vorfall öfter mal
nachgedacht.
OK, ich kam also völlig stoned aus der Zelle und er wich förmlich vor dieser geballten
Kraft an Stonedheit zurück. Das SammelTaxi war da, d.h. der Polizeibuss der unentwegt,
Kriminelle oder die, die es werden wollen, abholt. Das bedeutet, dass dieser Bus,
wahrscheinlich mehrmals täglich, straffällig gewordene abholt und ins UG überführt.
UG bedeutet, dass du unschuldig bist aber trotzdem im Knast landest. Fakt!!
Na ja, mir war das in meinem Zustand relativ egal, denn ich wußte, dass sich meine
Angelegenheit nicht so schnell klären lassen würde.
Ich war GF einer, wie ich erst später erfuhr, KO. Die Fachleute wissen bescheid. Ich war
arbeitslos und hatte dankbar die Gelegenheit wahrgenommen für viel Geld nix zu tun.
Unterschriften leisten und Bankkonten eröffnen. Geld abholen und weiterreichen.
Da kommt man viel herum obwohl ich muss gestehen, ich war so faul, dass ich auf dem
ZürcherAirport Kloten direkt bei der Bank ein Konto eröffnet habe. Man kam angeflogen
und hat abgehoben und ist dann wieder weggeflogen.
Im Polizeibus war es schon recht gemütlich, sprich es waren schon einige Herrschaften
vertreten. Das sah alles ganz manierlich aus. Man kam hinten rein, hähä, und ist durch
einen Mittelgang nach vorn gelaufen. Links und recht waren kleinere Abteile für die na
ja etwas schwereren Fälle. Vorn sass eine illustre Gesellschaft aus Schlägern,
Möchtegern-Zuhältern, Dieben und natürlich Drogies. Ich gesellte mich zu ihnen, aus
Platzgründen musste ich stehen und hörte scheinbar gelangweilt ihrem Gespräch zu.
Ich stand quasi in der Mitte von denen. Ich hielt mich an einer Eisenstange fest, die mich
irgendwie an andere Stangen, z.B. in angesagten Clubs, erinnerte. Und ich kam
selbstverständlich nicht auf die Idee, jetzt einen erotischen Stangentanz, oder auch left
on the coil, aufzuführen. Für meinen Geschmack waren zuwenig Frauen da. Ich hätte
mich an diesem Abend auch mit weniger attraktiven Weiblichen darüber gefreut.
Leider war dem nicht so gegeben. Der Oberrauner in der linken Ecke des hinteren
Halbkreises (Sitzbank) konnte plötzlich sprechen:
„Heute soll hier noch ’ne ganz große Nummer auftauchen, der hat das richtig
gemacht – man sprich von 40 – 60 Mios“. Ich war geschockt aber dennoch kontrolliert,
denn eines war klar: die sprechen von mir, selbstverständlich ohne auch nur zu ahnen,
dass dieser fette Fisch direkt vor ihnen schwamm. Ehrlich gesagt, sah ich wirklich nicht
zig Millionen schwer aus. Und das war gut so. Sie steigerten sich förmlich rein in diese
Millionen, was man alles damit Gutes bewirken könnte – vor allem für sich.
Die muntere Fahrt endete im UG Innenhof. Außen wäre auch unpraktisch, vor allem für
die Beamten.
Alle kamen in die sogenannte Kachelküche. Keine Ahnung, wer diesen Begriff geprägt
hat. Aber durch sein steriles grelles Ambiente, also den weißen Kacheln an den Wänden
und der Decke und am Boden, hatte ich eher den Eindruck in einem Schlachthaus
gelandet zu sein und nicht zu wissen wann ich dran bin.
Wie ich schnell festgestellt hatte, waren da mehrere Leute die noch #Restbestände bei
sich hatten. Unauffällig wurde das „H“ geschnüffelt, weil sie ja keine Fixen mehr bei
sich hatten. So als Rest-Trost. Alle kamen vor einen Untersuchungsrichter, der die zur
Last gelegten Vorwürfe verlas und sie erstmal in die Kammer steckte. Mich auch. Ich
kannte die Anschuldigungen, hab alles über mich ergehen lassen und nachdem ich
meinen Gürtel abgeben musste und meine Bettwäsche erhalten habe konnte ich mich
morgens um ca. 2 Uhr schlafen legen. (A11)
Ein kurzer heftiger Schlaf mit Traumsequenzen ging abrupt zu Ende. Die Tür wurde
aufgerissen und ich realisierte, dass ein Traum wahr wurde – ein Albtraum.
Ein Beamter in UG-Blau mit tonnenschwerem Schüsselbund wünschte einen guten
Morgen. Der Kalli mit seinem Wägelchen gleich hinterher. „was darf es sein, Graubrot,
Schwarzbrot, Schinken, Eier, Käse? Ich hab erstmal alles, sozusagen pauschal, geordert,
um später zu entscheiden, was ich essen wollte.
Tag 1 einer ungewissen Zukunft.
Ich muss vorausschicken, dass es gute und schlechte Tage gab. Lange in U-Haft ist
natürlich nicht optimal, zumal man ja nicht wegkann. Alles was hier steht ist nicht
erfunden und hat sich auch mit durchaus guten Momenten zu einem Leben auf engstem
Raum entwickelt. Quasi ein Ein-Personen-Stück mit karger Bühnenausstattung und vielen
Monologen. Ich war ein Monologe vor allem vor dem Haftrichter. Das war auch in der Zeit
dann immer der Durchhänger, wenn die Haftverschonung abgelehnt wurde, weil die
Hauptangeklagten noch in Amerika sassen und sich mit Händen und Klauen und 2 Mio
dagegen wehrten, ausgeliefert zu werden. Das hat leider ziemlich lange funktioniert und
führte dazu, dass ich gewissermaßen eine Geisel der Justiz wurde. Das hat den
Haftrichter Köppnick überhaupt nicht tangiert und ich sass fest.
Als ich mich so langsam in den Rhythmus des Zellen -Lebens eingegroovt hatte, kam
erstmal eine entspannte Zeit. Ich hatte noch keinen Anwalt und bin erst später zufällig
auf einen aufmerksam geworden: BOW – Bernd O. Weber. Er hat mein Mandat als
Pflichtverteidiger gern angenommen und sollte sich als relativ gut erweisen. Ich hatte
dadurch eine Stimme in dem Verfahren und evtl. auch Einflussnahme.
Inzwischen hat man mir eine Stelle in der hauseigenen Bücherei angeboten – das konnte
und wollte ich nicht ausschlagen. Ich wurde auch zum Bücherwurm, weil das eine Welt
ist, in die man sich zurückziehen kann und gleichzeitig fliegen kann wohin man will.
In einer kleinen Zelle ist das sehr wichtig. Das Planiversum hat mich fasziniert.
Das war zum Glück das Privileg, wenn man in der Bücherei arbeitet – man hat so viele
Bücher wie man will.
Schleife, der kleine schwule Pinguin, entpuppte sich als ganz gesellig und wollte wohl
auch nichts von mir. Hätte nicht gepasst.Schleife war ein mittelälterlicher Ur
Münchener, der sich wohl mit kleinen Betrügereien mehr oder weniger über Wasser hielt,
bis dann doch mal der lange Arm des Gesetzes lang genug ist, um ihn dann
einzubuchten. Er war in Hamburg warum auch immer. Als Begrüßung kam er mit einer
Fangfrage, die heute zwar uralt ist, mir aber damals noch nicht geläufig war. Das war
wohl kurz nach dem Tod von dem Herrn Sedelmeyer, dem bayrischen Schauspieler, der
etwas anders war als die anderen. Dieses konnte man sehr gut im dem Film „Wambo“
erfahren, der in der Hauptrolle mit Jürgen Tarrach phantastisch besetzt war. Also
Schleife fragte mich: „Kennst du die Augenfarbe von dem Sedelmeyer eigentlich?“ Das
kam völlig beiläufig und treuherzig hörte ich mich „Nein!“ sagen. „Aha“ meinte er dann
mit einem verschmitztem Lächeln im Gesicht: „du kennst ihn wohl auch nur von hinten!“
HA, ha ha! Kalt erwischt, dachte ich, aber sonst Pillepalle. Es hat mich aber an die
Kultur des Witze-Erzählens und vor allem des Witze-Zuhörens erinnert. Es ist doch so:
kennt man den vorgetragen Witz, hört man ihn an und gibt anschließend Feedback. Es
kommt sogar vor, dass ich einen Witz schon oft gehört habe, aber gerade der Vortrag als
Interpretation ist doch viel wichtiger. Ein gutes Lied höre ich mir auch öfter an und finde
das toll. Genauso sollte man es mit dem Witze-Erzählen und -Zuhören halten. Ich habe
schon oft die Interpretation eines Witzes gehört, die mir wesentlich besser als das
Original gefällt. Deshalb nerven mich diese Besserwisser von Witzen, die abwarten wenn
jemand einen Witz erzählt und im entscheidenden Moment dazwischen posaunen und so
tun als gehöre der Witz ihnen. Also die Sahne sprich die Pointe wird von diesen Spinnern
hinausposaunt.
Also Schhleife hat mich sozusagen in die Bücherei eingeführt, mir erklärt wo die neuen
Bücher herkommen, z.B. Spenden, Geschenke und Bestechungsbücher. Wenn die kamen,
mussten sie katalogisiert werden und bekamen über kurz oder lang einen Platz in einem
der mächtigen Regale zugewiesen. Also wir hatten noch keinen Rechner oder so, alles
echte Handarbeit, besonder von Schleife. Er war quasi so etwas wie ein Vorgesetzter,
nicht aufgrund seines Ranges sonder weil er viel über die Bücherei wußte und das
System, wie man katalogisiert, verinnerlicht hatte.
Der andere war Donath, es klingt wie ein Geschenk, ist aber nur ein Name. Ich glaube
sogar Schleife hat das nicht als Einladung o.ä. angesehen.
Da wir sogenannte Funktioner waren, hatten wir das Glück, eine Stromzelle zu haben.
Das war damals nicht üblich, dass alle Gefangenen eine Stromzelle hatten. Strom hieß
für die Einwohner von Nichtstromzellen, dass sie sich Gigatonnen von Batterien kaufen
mußten, um Radio zu hören oder sogar einen Fernseher zu betreiben. Da ich Funktioner
war, kannte ich diese Nachteile gar nicht – kam mir vor wie eine 2 Klassen Gesellschaft.
Davon unbeleckt, verdiente man als Arbeiter, egal ob Funktioner oder Zellen-Arbeiter,
wie ich später noch entdecken sollte, etwas Geld. Erstmal war die Welt in Ordnung.
Schleife und ein gewisser Rennie haben mich auf den Kirchenchor aufmerksam gemacht.
Das war eine Institution innerhalb der Kirche, äh Pardon, innerhalb der UG-Einrichtung,
die ein wenig Freiraum genoss. Man konnte zum Singen gehen und bekam anschließend,
wenn man durchgehalten hatte, sogar noch Kaffee und Kuchen. Nicht schlecht so ein
Chor und welch interessante Vögel da rum laufen. Nicht nur Pinguine. Es liefen da einige
schräge Schwäne herum, aber im UG herrscht Waffenstillstand. Es ist auch kein Vorurteil
wenn ich sage, dass bestimmt 2/3-Drittel der Insassen, Migrationshintergrund hatten, ob
zu Unrecht oder nicht entzieht sich meiner Kenntnis.
In so einer Situation, ist es wohl nicht unerheblich, was man getan hat, um ins UG zu
wandern. Im allgemeinen und zwar aus Sicherheitsgründen müssen die Aufsichttätigen
Beamten wissen, wer was gemacht hat, zumindest in groben Zügen. Nun ja, ich galt als
Betrüger, als jemand, der Reiche abgezockt hat, um das Geld in die eigene Tasche zu
wirtschaften. Das ist ein Vorwurf, der bei diesen hartgesottenen Beamten
unter :“gerissen aber harmlos“ abgelegt wird. Das bedeutet, man erfüllt dir fast jeden
Wunsch – wenn du es geschickt anstellst. Jemandem wie mir hat man zugehört, weil ich
klar sprechen konnte und auch Argumente zur Hand hatte, die mein Begehr, sogar aus
ihrer Sicht, logisch und gerecht aussehen ließen. Mit anderen Worten: ich hatte einen
leichten Stand.
Im Laufe der Zeit, auch weil man eine Stunde Freigang im Hof hatte, lernte ich die
unterschiedlichsten Leute kennen: der Kürschner, der Taxidermist, bloß andersrum.
Beide benutzen Naturprodukte, oft Fell. Während der Taxidermist bemüht ist, aus einem
toten Tier, wieder eine lebensechte Erscheinung herzustellen, bemüht sich der
Kürschner, fast industriellen Mord zu begehen, um dann die Tiere abzuziehen, also ihrer
natürlichen Würde zu berauben, um dann in einem blutigen Prozess etwas herzustellen,
das dann ausgerechnet Frauen lieben. Wie konnte das sein. Die Pervertierung der
Weiblichkeit,aber wohl genetisch vorbelastet. Lutz Reinstrom, dieser SM Künstler, mit
seinem Haus in Rahlstedt und eingebautem Atombunker -deep down under – ja der hatte
es wirklich drauf, und eins ist klar: die beiden Frauen, die bei diesen Spielchen
mitgemacht haben, hatten einfach Pech. Also einverständlich wurde geSMt. Ich glaube,
dass Lutz in all seiner Geilheit ausser Kontrolle geraten ist und im Endeffekt dann doch
die Kette oder was auch immer ein wenig zu lang zuu fest gezogen hatte. Das Ergebnis
kennen wir – und Lutz bestreitet das gar nicht. Er sagte und das mit seiner ganz
eigentümlich hohen Fistelstimme:“ Eh Alter, die Braut ist mir Ex gegangen, klar, aber wir
haben nur ein wenig rumgemacht und plötzlich macht die Alte mit mir Schluss, also du
weißt schon, die geht mir einfach Hopps“. Danach ist er, wie er mir des öfteren
gebeichtet hat, also als Beichte zählt nur das erste Mal, alles andere, was dann folgt,
nennt man Ohr-Abkauen. Also er geriet nach eigener Aussage in Panik und hat dann in
dieser Panik, die Frau zerlegt, Kürschner war er ja, und dann hat er diese Frau in einem
Säurefass, zumindest versucht aufzulösen.
Leute, ich habe keine Ahnung warum er mir das alles so detailgenau geschildert hatte
und versucht hat, das ganze als dummen Unfall hinzustellen. Ich hatte fast den
Eindruck, bzw. gewann zunehmend den Eindruck, dass er mich für den Fall fitmachen
wollte, damit ich später einmal seine Verteidigung übernehmen sollte und ich fragte
mich ernsthaft:“ Kann man als Einsitzender trotzdem einen Miteinsitzenden verteidigen?
Ist das möglich?“ Dennis du als Anwalt:“Sag schon!“
Jedenfalls kam ich so als Aussenstehender zu dem Ergebnis, dass er im Großen und
Ganzen mit dieser Geschichte durchgekommen wäre – wenn, ja, wenn es nicht zu einem
weiteren „Unfall“ gekommen wäre.
Lutz erzählte mir, dass es in dieser Szene eben teilweise härter zuging als in normalen
Swingerclubs, wie sie schon damals langsam in Mode kamen. „Sign of the times“.
Ich frag mich bloß, warum er immer nur allein mit einer Frau in seinem Atombunker
rumgemacht hat. Normalerweise steigert man doch seine Gier, indem möglichst mehrere
potentielle Partner anwesen sind. Kann man sich doch einen herrlichen Rundumfick
verschaffen. Warum so monoton Herr Reinstrom?
Man muss wissen, dass Lutz auf B2 hockte.
Das ist die Abteilung der ganz schweren Jungs.
Die kommen normalerweise nur einzeln in den Genuss eines Hofganges. Nicht unbedingt
weil sie gefährlich sind sondern oder weil sie besonders schlimme Dinge getan haben.
Das eine muss mit dem anderen nicht zwangsläufig etwas miteinander zu tun haben.
Lutz wurde wohl in die Kategorie eingeordnet: Schlimme Dinge getan, aber sonst in
dieser Umgebung eher harmlos.
Ein Mann, der in Puerto Rico ein Anwesen hat und auch sonst gut betucht ist, kommt mir
jeden zweiten Tag in seinem Ballonseiden-Luden-Anzug, der schon etwas speckig zu
werden schien,im Hof hinterhergelaufen und fragt, ob ich gut drauf bin, sozusagen als
Opener für das folgende Gespräch. Natürlich ging es meistens um seine Situation und
dass seine Anwältin, für seinene Fall ist eine Frau u.U. von Vorteil, aus seiner Sicht nicht
richtig vorwärts kam. OK der Mann war verzweifelt, aber er hatte den Blick für die
gegebenen Realitäten vollkommen aus den Augen verloren. Er hatte zwei Frauen
getötet, dass es Unfälle waren kann ich schwer glauben. Ein Unfall, eine Frau, wie
gesagt, da hätte der Fall anders ausgesehen.
Er erzählte aber auch von anderen Dingen, Puerto Rico soll wirkich schön sein. Er auf
seinem Anwesen – bestimmt der reinste Sklavenhalter, na ja man weiß es nicht.
Er hatte aber auch noch praktische Haushaltstipps, sozusagen für die kleine Latte
zwischendurch. Seine stahlblauen Augen, und das waren stahlblaue Augen, die
stechender nicht hätten sein können, blickten mich unverwandt an und gleichzeitig hub
er mit seiner Fistelstimme an:“Eh Alter, wenn du mal richtig abgehen willst, musst du dir
mit einer BrennNessel über die Eichel hauen, da gehst du ab wie ein Diskus“.Ich
bezweifelte, dass meine Eichel so weit fliegen könnte, hab mir aber vorgestellt, wie er
diesen Vorschlag dem Richter vorgetragen hat. Könnte sein, dass er mildernden
Umstände bekommen hätte, entweder, weil er geisteskrank ist oder weil der Richter
befand, dass diese Tipp gar nicht so schlecht ist. Ja, man weiß es nicht.
Auf jeden Fall würde mein Selbstversuch noch ein wenig dauern, weil es im Hof keine
Brennnesseln gab – wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen. (abgehen wie ein Diskus)
Dieses alte Gemäuer, das aussieht wie eine Trutzburg hält 100te Menschen gefangen.
Überbelegt allemal, doch davon will lange Zeit niemand etwas wissen. Ich meine, wenn
ich schon unschuldig,bis dato, einsitze, dann möchte ich leben wie Gott in Frankreich.
Ich bin unschuldig – wie kommen die dazu mich so zu behandeln. Na ja, bis jetzt habe
ich meine Stromzelle, doch das sollte sich ändern.
Erstmal hatte ich mein Radio, das auch mit Batties betrieben werden konnte und ich
hatte von Mutti einen Fernseher leider ohne Batterien zu betreiben aber solange ich auf
einer Stromzelle war, ist das kein Problem.
Ein Nebeneffekt der ganzen Geschichte ist, dass ich kein Dope und keinen Alkohol
bekam. Das machte mich zwangsläufig immer klarer in der Birne und es gefiel mir sogar.
Endlich voll zu realisieren, dass man im Knast ist und sich anschickt, ein Krimineller zu
werden, sprich verurteilt zu werden. Aber erstmal war ich ein angesehener Insasse. Ich
hatte die Reichen beraubt und es den Dieben gegeben. Immer schön in die Luft, zur
nächsten Bank und dann – ja genau. Schnelle Substanzen spielten auch eine Rolle.
Es gibt (k)ein Geheimnis, ausser man weiss es. Ein offenes Geheimnis kann weit mehr
verbergen als man wahrhaben will. Ein offenes Geheimnis ist ein geschickt platziertes
Wort, dass niemand glaubt, aber jeder meint, in sein Ränkespiel einflechten zu können.
Ein wenig so wie die Trumpf-7 die aber jederzeit zu einem Trumph-As aufsteigen kann,
wenn der Bluff zieht. Also ein offenes Geheimnis ist, dass sich alle dort im UG früher
oder später mal einen runterholen, sogar mein Freund Lutz – wie auch immer er das
zelebriert. Einen Nutzen kann man aus diesem offenen Geheimnis nicht ziehen. Ein
sogenanntes Patt.
Wenn man Bauklötze staunt, heißt das nicht, dass man einen Lego-Kasten in seiner Zelle
hat. Hätte man einen Lego-Kasten in seine Zelle geschmuggelt, würden aber die
Beamten Bauklötze staunen und sich fragen, welches wunderbare Geheimnis dahinter
steckt.
Die Gedanken und Ideen werden freier. „As your mind flies by“. Vielleicht, so denke ich
zu weilen, wäre es gar nicht schlecht SmaffoAutisten mal für eine Woche abzustellen
und das im wahrsten Sinne des Wortes. Also erstmal schauen die blöd: Blööök!!
Dann rollt der Daumen und der andere Daumen langsam aus. Kein Bild, no transmission,
all engines out. No liftOff! Diese Menschen, die kein „reales“ Leben mehr kennen, auf ihr
eigentliches Leben und ihr Sein herunterzubrechen.
Dann könnte man mit ihnen auch mal in den Wald gehen und wenn sie dann aus diesem
Wald herauskommen und auf ein Feld schauen, werden sie, und das werden sie – ein
Brennnessel-Feld entdecken – und das lockt – mit Sicherheit!
Alles was nicht Sex ist – ist automatisch Ersatzhandlung. Gut zu sein, schnell zu sein,
dreist zu sein, grausam sein, immer als erster da zu sein, hat sowohl im Beruf wie auch
privat nur einen Zweck: reproduktiv zu sein.
So in U-Haft kommt man schon auf recht verwegene Ideen. Man hat die Zeit, man hat
das Motiv und die Gelegenheit, alles mal richtig zu erdenken.
Dazwischen stand die Routine. Ein Ablauf, der sich jede Woche wiederholte, also
Routine. Diese Routine sah vor, dass man 2 mal die Woche zum Duschen kam. Immer
blockweise, d.h. immer 5 Zellen hintereinander. Das rituelle Duschen war eigentlich
immer ganz lustig. Der Pinguin musste aufpassen, nicht enttarnt zu werden. Alle gaben
sich hetero mit gaaanz tiefen Stimmen. Mir war das scheissegal – hauptsache eine warme
Dusche und dann ein problemloses Abtrocknen und Anziehen ohne Zwischenfälle.
Man erkannte die Muslims immer daran, dass sie, warum auch immer, ihre Unterhose
beim Duschen anbehielten und ich mich fragte, was es wohl für Geheimnisse zwischen
Männern unter der Dusche geben könnte. Ich wollte aber auch nicht für das
Vermummungsverbot plädieren und die Moslems unter der Dusche auffordern, sofort ihre
Unterhosen auszuzuziehen, was dann wohl dem Pinguin gefallen hätte.
Man wurde sowohl auf dem Weg zum Duschgang wie auch auf dem Rückweg immer
kontrolliert. Jedenfalls stichprobenmässig. Mir war das, bis auf ein einziges Mal völlig
egal.
Dieses einzige Mal, ist eine geniale Meisterleistung meinerseits. Oder man hat mich
einfach gewähren lassen. Vielleicht genoss ich Sympathien – wer weiss. Is auch egal, weil
diese Geschichte erst später stattfand, als ich wieder auf eine „NichtStromZelle“
verbannt wurde wegen Trennung. Wer den Begriff nicht kennt, kennt zumindest die
allgemeine Bedeutung. Im Juristischen Sinne heißt das: als Funktioner jedweder Art,
könnte ich ja u.U. Kassiber oder andere Botschaften senden. Da ich in der Bücherei
gearbeitet habe, war es vorstellbar, dass ich in einem der Bücher, die für einen
Menschen waren, der zu meinem anstehenden Prozess gehörte, etwas Verbotenes
sozusagen geschmuggelt wurde – wie etwa Drohungen oder Bestechnungsgeld, das ich
selbstverständlich nicht hatte. Deshalb wurde ich getrennt, von meinen geliebten
Büchern und noch viel schlimmer, vom Strom: ich hatte nix mehr – also nixe Strome!
Alter! Was für ’ne Scheisse. Radio und TV hatte ich ja. Das Radio lief mit Batties, der TV
nicht. Was tun. Erstmal so tun, als hätte der TV einen Battie-Kasten, ich meine er war
nicht groß, vom Anblick her durchaus Battie-fähig. Klar war auch, dass in
unregelmäßigen Abständen, Zimmer- äh Zellen-Kontrollen stattgefunden haben. Meist
wenn der Einwohner gerade auf Stuhlgang – scheisse – Hofgang war. Da hatten die
Beamten freie Bahn. Nichts hielt sie auf, aber sie waren korrekt. Es war mitnichten so,
dass die Zelle verwüstet wurde und der Einwohner gezwungen wurde alles aufzufressen.
Das kommt nur in Filmen wie „Papillon“ oder anderen Jean-Gabin-Filmen vor. Existenziell
eben. Auf das nackte „Ich“ zurückgeworfen – das kann eine schmerzliche Erfahrung sein.
Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass mein TV, zwecks Battie-Untauglichkeit, aus
dem Verkehr gezogen würde, weil alles was nicht innerhalb der jeweilgen Zelle
funktioniert, kommt auf die sogenannte Habe-Kammer: da wird dein gesamter privater
Müll gelagert, bis du versetzt, bzw. entlassen wirst.
Zu meiner Überraschung geschah nichts dergleichen. Im Gegenteil, es wurde ganz
wundersam, es kam mir in der Situation jedenfalls so vor. Mein Zimmer-Kollege, Richard
hieß er glaub ich, näherte sich mir auf einem Hof-Rundgang unauffällig und raunzte mir
zu, er hätte da was für mich. Aber nicht hier und jetzt. Ein kurzes Nicken und er wußte
bescheid. Ein ganz korrekter Typ mit schwarzer Lederjacke und etwas Übergewicht, aber
nicht unkontrolliert, wie man es ja leider immer öfter sieht, wie sich die Menschen
einfach gehen lassen – es fühlt sich für mich an wie – aufgeben. Ja sie scheinen sich
aufzugeben. Aber Richard war aus anderem Holz geschnitzt. In der Zelle erfuhr ich auch,
dass er nur eine Geldstrafe absitzt. Sowas kam sogar recht häufig vor. Leute haben lieber
die Tagessätze abgesessen, als zu zahlen, ich meine die meisten konnten gar nicht
zahlen – denen blieb gar nichts anderes übrig – als abzusitzen. Ich finde das so was von
surrreal. Was ändert sich für die Justiz, wenn er die Geldstrafe nicht abgesessen hätte.
Wer hätte einen Verlust – wer denVorteil. Angenommen der Mensch muss keine 90-Tage
Strafe absitzen. In dieser Zeit hätte er die Möglichkeit, sich einen Job zu suchen und
sogar zu finden. Er arbeitet und zahlt Steuern – Eine Win-win-Situation – „what’s wrong
with the picture?“
Hä hä – aber doch nicht mit der deitschen Justiz – no way.
Jedenfalls Richard offenbarte mir als er ein „Etwas“ aus seiner Lederjacke zog, dass er in
einem Tag rauskommt und keine Verwendung mehr für dieses „Etwas“ hat. Das „Etwas“
entpuppte sich als geniale Lösung für all meine Probleme zu diesem Zeitpunkt. Er
übergab mir ein kleines Kabel mit zwei Widerhaken an dessen Ende eine liebevoll,
selbstgebastelte Steckdosen drapiert war. „Willst du?“ „Ja ich will!“ Er erklärte mir dann
ganz genau, wie ich das Kabel bzw. die beiden Kabel an die Deckenlampe zu legen hatte,
damit mein TV mit optimal Strom versorgt wurde. Richard gab mir auch mit auf den
Weg, dass ich ruhig das Guckloch mit Klo-Papier dichtmachen könne, weil die Beamten
in der Nacht nur auf die Fälle, die suizid-gefährdet oder gewalttätig sind, achten. Du
hast hier nichts auszustehen mit deinem Fall – so viel weiss ich. Es klang aus seinem
Mund wie eine frohe oder sogar wie die Frohe Botschaft – nur ohne Jehovas Zeugen!
Zeugen konnte ich bei diesem Deal nun wirklich nicht gebrauchen.
Auf jeden Fall funktionierte das Element von Anfang an und ich sag es jetzt schon,
keiner hat mir das Ding weggenommen – und eins ist klar – die Beamten müssen davon
gewußt haben. Ich sage nur : Vielen Dank dafür.
Besuchszeiten
Es gab natürlich auch Besucher. Das war nicht so wie im Fahrstuhl aber so ähnlich. Der
sogenannte Sammelraum ähnelte eher einem Wartezimmer in irgendeiner Arztpraxis.
Wenn Besuchszeit war, wurden die „Bewohner“ irgendwie etwas zuvorkommender
behandelt. Das kann daran gelegen haben, dass man das Umfeld und auf jeden Fall den
Besuch nicht auf der falschen Seite haben wollte. Wird ein Häftling unmittelbar vor dem
Besuch misshandelt oder gefoltert, ist er geneigt, dieses seinem Besuch mitzuteilen, der
selbstverständlich anschließend die „Bild“ aufsuchen wird. Ja, das wollte man im
allgemeinen verhindern. Deshalb auch das Wartezimmer – aber ohne Sitzgelegenheiten
und Illustrierte. Die hatte ja IRO alle. Man kann sich vorstellen, dass die Logistik hinter
diesen Besuchen, eine Meisterleistung sein musste. Es durften sich keine Leute aus
gemeinsamen Strafverfahren begegnen und auch keine von verfeindeten Clans. Das kann
ganz schnell zu einem Blutbad im Besucherbereich führen.Alle, die mich besuchten,
waren ob meiner Kondition erstaunt und konnten gar nicht verstehen, dass ich so
gelassen mit meinem Schicksal umging. Der liebe Axel und der liebe Ingo, ich kann
schlecht alle hier nennen aber eines hatten sie alle gemein: sie standen hinter mir, wie
der berühmte 12. Mann im Stadion. OK, es gab keine „Standing Ovations“ oder die „La
Ola“ im Besucherbereich, aber ich konnte sie förmlich fühlen. Wenn man das alles
realisiert, dann weiß man: „Ich bin nicht allein!“.
Im Besucherbereich tummelten sich auch alle möglichen Großfamilien von den Menschen
mit Migra-Hintergrund. Ein fröhliches Lachen, Schreien, Weinen und Geschimpfe ging
durch den Raum. Da kann man schnell den Überblick verlieren – zumal als Beamter. Ein
Sack Flöhe ist ‚ne Lachnummer dagegen. Langsam begriff ich auch, wie der Süssstoff
meiner Zellennachbarn hinein gelangt ist. „Eiiijaaa Pfuschaaa!. Hä, hä.
Ich selber musste bei einem Besuch eine ganz haarige Situation bewältigen. Ich erinnere
mich, dass Annette Schu. und drei andere Bekannte bei diesem spektakulären Besuch
dabei waren. Wir sitzen so im Besuchsbereich und tauschten Höflichkeiten aus, als mir
Annette plötzlich einen kleine Bobbel rüberschob. Also ich weiß nicht, wie sie den vorbei
an den Beamten hineinbekam – aber da lag er. Er lag da auf dem Tisch. Er lag zwischen
ihr und mir und ich wusste in dem Moment ehrlich nicht was ich machen sollte.
Ignorieren war die falsche Option, denn wenn der Beamte erst einmal realisiert hätte,
was das auf dem Tisch lag, wäre ich so oder so der Idiot gewesen. Da mir das irgendwie
klar war, hab ich das Teil seelenruhig aufgenommen und erst einmal in der Hand
behalten, um zu checken, was der Beamte vielleicht mitbekommen hat. Ohne zu zögern
hätte ich das Ding geschluckt, denn gefunden hätten sie das so oder so, wenn erst mal
der Anfangsverdacht stand. Zum Glück war an diesem Besuchstag Vollversammlung im
Bereich und die beiden Beamten – es waren wirklich nur zwei Beamte für 6 Häftlinge und
geschätzter 45 Besucher. Da verliert man schon mal den Überblick. So kam es, dass ich
den Bobbel in meinen Jackenärmel verbergen konnte, wie damals beim Duschgang. Es
ging auch diesmal alles gut. Freundlich plaudernd, hat mich der Beamte auf meine Zelle
geführt. Als ich später meinen Fernseher oben an der Lampe angeschlossen habe und ein
schönes fettes Glas Dope geraucht hatte, dankte ich ihm heimlich für die geglückte
Rückkehr in meinen „Wohnbereich“. Das waren die Momente in denen ich wirklich nichts
vermisste. Ich musste sogar aufpassen, dass ich nicht einschlief und der Beamte am
nächsten Morgen beim Aufschließen der Tür mein kleines Geheimnis entdeckte. Ich habe
gehört, dass das ab und an passiert sein soll allerdings bei anderen Leuten.
Ich hatte also ein möbliertes Zimmer, einen Job, TV und was zu Rauchen. Radio auch.
Das war Luxus pur. Das ist perfekt. Was soll da noch kommen? Oh ja – Frauen, Frauen
wären jetzt schön. Also bei mir reicht der Singular. In meinem Zustand hätte die Braut
leichtes Spiel – aber wahrscheinlich nur kurz.
Da ich auf Trennung war, also man könnte jetzt auch problemlos „Trennung“ durch
„Entzug“ ersetzen, die Auswirkungen sind dieselben.
Dieses Element war schon fast überlebenswichtig, weil man, wenn man gerade nicht
las, ein Fenster zur Welt hatte. Ich befolgte den Rat von Richard und stopfte das
Guckloch zu und es kam zu keiner Zeit irgend ein Beamter zur Kontrolle rein.
Fantastisch!
Da ich unbedingt arbeiten wollte, mußte ich zwangsläufig auf Zellenarbeit umsteigen,
womit man, ich sage es jetzt schon, 250 DM oder sogar noch mehr im Monat verdienen
konnte. Fand ich OK. Hab ich auch durchgezogen. Ich habe meinem Gehirn verboten,
Nachforschungen anzustellen, warum ich jetzt auch noch Gefangener in meiner eigenen
Zelle, sozusagen, bin. Also noch einmal den Gurt enger gezogen, zumindest empfand ich
das so. Zellenarbeit bedeutet , ich konnte es zuerst nicht glauben, aus Tütenkleben
besteht oder wahlweise auch Kugelschreiber zusammensetzen. Mir war gleich klar, dass
Tütenkleben bei mir besser angesagt ist. Dieses Verhalten hat auch eine Vergangenheit.
Ich will nicht behaupten, dass das angeboren ist, aber ich habe mit 17 Jahren eine Lehre
zum Industriekaufmann angefangen und später auch erfolgreich abgeschlossen. Die
Lehre war bei L + H. Papierindustrie, Briefumschläge und Versandtaschen aller Art. Und
ich erinnere mich, dass es in Rendsburg eine Abteilung für Spezialversandtaschen gab.
Das waren Spezialtaschen, die nur von Hand gefertigt werden konnten. Ich frage mich
plötzlich, ob Rendsburg einen Knast hat?
Auf jeden Fall war das Tütenkleben ein korrekter Job. Ich hab tagsüber während der
Taschenfertigung immer Radio gehört. Die Batties hielten lange und das Programm ging
damals einigermaßen.
Ich hatte Pinsel und Rolle für den Klebejob bestellt und schnell spitzbekommen, dass die
Rolle für das Auftragen der Klebelinien mein Favorit wurde. Ich war aktiv und produktiv
und fühlte mich eigentlich überwiegend erstaunlich wohl. Viele meiner Freunde,
konnten nicht glauben, dass ich ,fast nahezu, gleichgültig und gefasst mit dieser
Situation umgegangen bin. Aber dem war so. Ausserdem war mein heimlicher Wunsch,
der dann auch später bei der großen Verhandlung, wahr wurde, dass ich lange in U-Haft
sitze und dafür den Rest auf Bewährung erhalte. Kommt Zeit kommt passendes Urteil.
Davon später mehr.
Also die Zellenarbeit entpuppte sich als guter Zeitvertreib und es gab dafür sogar Geld.
Damit konnte man einmal die Woche in dem hauseigenen Shop einkaufen. Das war ein
ganz gewöhnlicher Laden, zumindest auf den ersten Blick und auch nur, wenn man wie
ich, den Laden zum ersten Mal betreten hatte. Sie hatten einige Sachen da, von
Lebensmitteln über Tabakwaren bis hin zu Pflegemitteln aller Art also von oben bis ganz
unten. Was es zu meiner Überraschung nicht gab, war Gin, Wodka oder Bier. Auf
Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass hier die 0,0 Promille Grenze herrsche. Was mir auf
den zweiten Blick dann doch etwas sauer aufstieß: es gab hier keine Selbstbedienung.
Man musste sein Begehr, wie in einem guten Tante-Emma-Laden, vortragen und erhielt
früher oder später seine Sachen. Ein völlig unentschuldbarer Zustand war, dass es kein
Bargeld gab. No Pensunsen. Jeder Insasse hatte ein Konto, mit mehr oder weniger Geld
darauf, von dem der Kaufbetrag für diese Woche abgezogen wurde.
OK, ich hatte mich reichlich eingedeckt: vier Paletten mit Cola, Wasser und Fanta.
Etliche Koffer an Tabak, gut als Zahlungsmittel, und Schokolade und Obst und
Schnobkram. Zahnpasta und Seife natürlich auch.
So bewaffnet schritt ich in meine Zelle, unterstützt von meinen Zellennachbarn.
Wie gesagt, es gab auch angenehme Zeiten.
Mit dem hereinbrechenden Abend, wenn alles abgeschlossen ist, sogar in doppelter
Bedeutung, kommt alles zur Ruhe. Es ist immer die Ruhe, die dann wieder langsam
lebhafter wird. Verwandte und Bekannte versammen sich vor den Fenstern, natürlich
außerhalb der Anlage, aber dicht genug um Botschaften, Liebesgrüße oder was auch
immer hinüber zu brüllen.
Neben mir war ein kurdisches Pärchen,wäre jetzt nicht fair zu behaupten, die abends
wenn der Mond aufging immer sowas riefen wie:“Eijaaaaa Pfuscherr!“ Das wiederholte
sich jeden Abend aber eben nicht über Stunden, sonder nur für einige Minuten. Die
beiden waren ganz OK. Sie baten mich aufgrund ihres schlechten Deutsches, sowohl
sprachlich und im Besonderen schriftlich, einige Formulare auszufüllen. Also das waren
teilweise auch Anträge für bestimmte Sachen. Insgesamt hat ihnen meine Intervention
geholfen.
Hab ich auch gern gemacht und ich hatte die Zeit. Ich hab sie auch nach der Bedeutung
ihrer Schreie an den Abenden gefragt und dabei versucht ihre Worte nachzusprechen:
„Eijaaa Pfuscherr!“ Die haben sich echt schlappgelacht und mir dann gesagt, dass es sich
dabei um einen süßen traditionellen Kuchen handelt. Welcher Art dieser Kuchen dann
war, erfuhr ich bald.
Das war an einem Duschtag. Wir traten also in Formation aus unseren Zellen und dieser
freundliche Kurde hinter mir fragte mich, ob ich rauche. Ich bejahte und er flüsterte mir
zu, dass er mir jetzt etwas gebe würde. Ich hielt die Hand nach hinten auf und ich fühlte
elektrisierenderweise ein Stück Dope in meiner kribbelnden Hand. Wie konnte das sein.
Was sollte ich tun, ich konnte nicht mehr zurück in meine Zelle und ich wußte, dass auf
dem Hinweg und auf dem Rückweg zur Dusche sporadisch(e) Kontrollen stattfinden. Was
also tun. Ich hatte, und das war wirklich Glück, meine Strickjacke an, die an den Ärmeln
etwas zu lang war. In diesem Krempelärmel hab ich das Dope aufgerollt und
plattgewalzt, so weich war das. Wir setzten uns in Bewegung und gingen Richtung
Dusche. Als mittlerweile dressierter Affe, kennt man den Weg. Jedesmal wenn so eine
Gittertür kommt, wird ein mordsbrimborium gemacht. Alle müssen sich sammeln und
dann wird diese Tür aufgeschlossen. Ich wollte schon fragen, ob es nicht
praktischerweise Sinn machen würde, jedem Insasssen seine eigenen Schlüssel zu geben,
damit er je nach Gemütslage zum Duschen gehen könnte. Doch ich beherrschte mich.
Eins hab ich begriffen. Je lustiger oder agressiver man ist, desto höher die
Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden. Auffällig zu werden hat durchaus seine
Vorteile – nur nicht im UG. Auf jeder Party wäre man mit auffälligem Verhalten der
strahlende Mittelpunkt – es sei denn man kotzt vor versammelter Mannschaft auf die
Gucci-Schuhe der Gastgeberin und sabberte ihr dann auch noch entgegen:“Schöööne
Schuhe..“ Da wird das Wort „strahlend“ schnell gestrichen. Im Prinzip geht man ganz
normal aufrecht Richtung Dusche. Macht einen nachdenklichen, wenn man gut ist,
melancholischen Eindruck. Damit kommt man gut unter die Dusche und auch wieder
zurück.
Klamotten angezogen, kurz gefühlt, ob noch alles da ist und dann unbeschwert, ohne
auch nur über etwas nachzudenken, zurück in die Zelle und den Abend abwarten.
Dann war es soweit. Spion dichtgemacht und den Tisch unter das Fenster gestellt.
Ich war sehr davon angetan, wie groß der Bobbel wirklich war. Es war kurz vor
bedrohlich. Glas wurde geraucht. Dafür braucht man eine Pappunterlage,war günstig als
Zellenarbeiter, wenn gerade Versandtaschen mit Papprückwand gefertigt werden sollten.
Ferner braucht man eine Nadel und ein Glas zum darüberstülpen. Auf die Nadel wird ein
Piece gespießt und angezündet und der Dampf nach kurzer Abschottung in Gänze
inhalliert. Booow! Nach langer Zeit wieder dieser, ja man muss sagen, Knall. Ich hab
mich fast in meiner 8 m²-Zelle verlaufen. Stellt euch das mal vor. Ich hatte auch keine
Paranoia, dass ausgerechnet jetzt die Tür aufgeht und eine Zellenkontrolle ansteht.
Never.Ever.
Danach noch bis nach Mitternacht TV geguckt – alles wie zuhause, wenn das Wörtchen
„Fast“ nicht wäre. Für UG-Verhältnisse grenzte das schon an Feudalismus aber ohne
Unterdrückung der Armen. Hier gab es natürlich Unterschiede, aber die waren nicht so
gravierend wie „in Echt“. Es ist, man kann es fast so sagen, eine Art Knast-Sozialismus.
Im Kern werden sie alle gleich behandelt.
Die Ablaufmuster sind festgelegt und nicht individualisiert.Mag der eine auch etwas mehr
Geld haben, er kann sich damit nicht die Freiheit erkaufen. Zumindest nicht sofort.
Etwas Freiheit gewinnt man, wenn man sich innerhalb des UG schlaumacht und sich auch
nicht zu schade für einen Chor ist. Das hat im großen und ganzen wirklich Spaß gemacht.
Da waren natürlich die wenigsten da, weil sie sich von der Muse geküsst fühlten. Die
meisten konnten nicht ansatzweise singen. Aber sie wußten ,dass das für sie
Abwechslung ist, das kleine Kirchenabteil war halt eine Welt für sich. Beamte hab ich
dort nie gesehen, die warteten dann immer draußen. Zu meiner Verblüffung waren auch
2 Moslems in diesem Chor. Und zu meiner Freude, waren das so ziemlich die einzigen
Stimmen, die nach Gesang klangen. Dass das in einer Kiche stattand war für sie kein
Problem, warum auch, interreligiös zu sein bietet Vorteile, nicht zuletzt ein Verständnis
für den Andersgläubigen.
Nun es wurden auch nur alte Klassiker geprobt. „Proud Mary“ z.B. und andere Evergreens
von denen ich fast alle kannte, mich aber jetzt spontan an keinen mehr erinnern kann.
Es gab auch, ganz Brauch, den Sonntagsgottesdienst. Da sind wir fast immer hin, weil
es einfach Abwechslung war. Ich konnte diese Typen, die immer nur auf ihren Zellen
hockten und an ihr kleines verficktes Leben und ihre Situation dachten, nie verstehen.
Denn den Ablauf können sie nicht verhindern – ausser sie bringen sich um. Das geschah
während meiner Zeit sogar zweimal. Wenn soetwas zur normalen Tageszeit passiert, wird
immer der Rote Alarm eingesetzt. Das bedeutet, wenn dieser Alarm losgeht, werden alle
Insassen, egal wo sie gerade sind in die nächste Zelle gestopft. Ich hatte zweimal das
Pech irgendwo hineinbefördert zu werden. Da waren dann plötzlich 20 Leute in einer
kleinen Zelle und ich habe immer gehofft, dass jetzt bloß nicht zufällig zwei verfeindete
Clans hier in dieser Zelle aufeinander treffen. Ich hätte sofort den Schiedsrichter
gemacht weil das schön neutral ist.
Die andere Gefahr, dass sich zufällig zwei Rivalen, wie auch immer geartet, begegnen,
ist die Unterbringung in einem sogenannten Sammelkäfig. Ich hab das immer versucht
philosophisch zu betrachten. Für mich war das der Fahrstuhl, nicht unbedingt zum
Schaffott. Für mich war das der Fahrstuhl, weil immer neue Leute einstiegen und immer
welche ausstiegen. Diese Leute hatten im UG Anwaltbesuch. Es muss wohl eine
logistische Meisterleistung vonnöten sein, um zu gewährleisten, dass keine Komplizen
oder auch Feinde aufeinander treffen. Die meisten von denen waren auch gar nicht
aggressiv. Alle waren auf sich zurückgeworfen – natürlich wurde ab und an gescherzt, so
zum Zeitvertreib und um abzuschalten.
Mein Anwalt war aufgrund der Sachlage natürlich chanchenlos gegen Köpnick, den
Staatsanwalt. Ich war seine kleine Geisel. Ihm war selbstverständlich klar, dass ich
innerhalb dieses Unternehmens nur ein kleines Licht war, aber ich war offiziell GF und
somit irgendwie haftbar. Das hat er weidlich ausgenutzt. Die Ratte.
„Ich bedauere wirklich Herr Rode, aber wir könne Sie zum jetztigen Zeitpunkt nicht
entlassen, weil die Herren Lüdecke und Voigt, sich noch in USA aufhalten“. Aber
bestimmt nicht zum Urlaub machen.
Wie ich später erfahren habe, hat Lüdecke auf so ne Art Jesus oder Priester gemacht; ein
ganz cleverer Schachzug, denn in diesen Ami-Gefängnissen weht ein gaaaanz anderer
Wind. Sammelzellen sind da Norm. Zum Scheissen hast du ein Loch in der Mitte und
wenn du danach nicht schnell genug die Hose wieder hochziehst, hat dein Arsch
urplötzlich Gegenverkehr. Da ist, sich als Priester auszugeben, doch eine gelungene
Alternative.
Sie kamen ja irgendwann in den Knast – hatten aber vorher ziemlich lange nur
Hausarrest. Das heißt, sie konnten sich alle Dinge des täglichen Lebens ins Haus kommen
lassen. Mann! Muss das ein Schock für sie gewesen sein. Es heißt aber andererseits: der
Mensch gewöhnt sich an alles – es war ja nur vorrübergehend.
Hab ich schon erwähnt, dass ich meinen Freund IRO im UG getroffen habe, und zwar
ganz zufällig in der Kirche – er wollte sich das Programm mal anschauen. Ich dachte, das
gibt es nicht. Er war zwar in einem ähnlichen Fall im UG – diese beiden Fälle hingen aber
nicht zwangsläufig zusammen. Also es waren die selben Anstifter aber es ging um zwei
verschiedene Firmen. Das war zu komplex für die Justiz. Wir haben uns köstlich
amüsiert. Er erzählte auch freimütig, wie es ihm so geht. Er hatte auch das Wohlwollen
der Beamten – argumentativ ähnlich gut bestückt wie unsereiner. Er galt, seinen Worten
nach, als der Zeitungspapst. Er ließ sich so viele Illustrierte und Tageszeitungen bringen,
dass den anderen, sowohl Beamten als auch Mitinsassen, schwummrig wurde und das
natürlich auch Begehrlichkeiten weckte. IRO ist ein aufgeschlossener und humorvoller
Zeitgenosse. Er gab freiwillig seine Reichtümer ab ohne Gegenleistung und freute sich,
dass die anderen was zu lesen hatten. Viele hatten ja überhaupt nichts. IRO konnte
gönnen und ihm wurde gegönnt. Die Beamten sahen das mit einem gewissen Wohlwollen,
weil dieses Verschenken von Zeitungen irgendwie auch das ganze Umfeld ein wenig
befriedete – kurz gesagt: die Leute hatten was zu tun.
IRO war aber von je her mehr der Stubenhocker und las lieber seine Zeitungen und kam
soweit ich mich erinnere, kein nächstes Mal in den Chor. Oder er war da als ich
verhindert war, z.B. durch einen Anwaltsbesuch. Das ist ja das Problem, man konnte sich
nicht richtig verabreden. Jede Intervention würde sofort verdächtig wirken, so nach der
Art: Lieber Herr Beamter, können sie nicht mal den Kollegen aus dem D-Flügel bitten
Herrn IRO in die Kirche zu bestellen. Das fällt garantiert auf. Obwohl es keinen
rechtlichen Hintergrund hatte. Es war juristisch irrelevant. Trotzdem fangen die dann an
zu grübeln – wollen womöglich investigativ werden – das hat noch gefehlt.
Knast-Sozialismus – das war ein Begriff, der mir schon an anderer Stelle in den Sinn kam.
Es herrschte ein, tja, Gentlemen-Agreement, das heißt, es ist hier egal, was du getan
hast, es spielt für die anderen kein Rolle. Das galt auch für den Mann, Frolic, wie wir ihn
nannten, der wegen Kindesmissbrauch schon 6 Jahre kassiert hatte und sich nun mit
Händen, Füssen und was weiß ich nicht noch, gewehrt hatte, in den Regelvollzug zu
kommen. Denn dort würde es ihm schlecht ergehen. Die Leute kriegen immer raus, was
du gemacht hast – und als Kinderschänder hast zu nichts zu lachen. Dagegen ist so ein
UG eine kuschelige Angelegenheit. Immer beschützt von den Beamten – nur im
„Fahrstuhl“ könnte u.U. etwas passieren. Als ich noch in der Bücherei gearbeitet habe,
waren die Türen von uns Funktionern immer geöffnet, d.h. wir konnten uns auf dem Flur
und in den anderen Zellen frei bewegen. Das war schon luftig. Wir haben ab und zu auch
Karten gespielt inkl. Frolic. Was soll’s. Er hat mir dann auch einmal versucht zu erklären,
was wirklich passiert ist: kurz gesagt, er wollte seinem Sohn oder auch Stiefsohn mal
zeigen, wie man onaniert oder mastubiert. So von Vater zu Sohn. Das hat seine Frau
wohl gesehen und war geschockt und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Ich hab mir nur
überlegt, dass ich z.B. von ganz allein auf die Idee gekommen bin, mir einen von der
Palme zu wedeln (Dust my broom). Welche Intension steckt bei einem Mann wie Frolic
dahinter, mit seinem Sohn zu wichsen. Also normal ist das nicht, jedenfalls nicht in
unseren Breitengraden. Wenn das dann wirklich alles war, ist das keine 6 Jahre wert. Da
muss noch was anderes gewesen sein. Aber darüber schweigt der Mantel.
Auf jeden Fall wußte der Frolic, die Neutralität zu schätzen. Mit immer wieder neuen
Anträgen versuchte er seine Abschiebung in den Regelvollzug zu torpedieren.
Wahrscheinlich waren die Richter schön amüsiert bis gelangweilt von den Versuchen des
Frolic.
Irgendwann war es dann wirklich soweit. Frolic wußte, dass er das Nest verlassen muss.
Was aus ihm wurde – keine Ahnung. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ihm werden die
Kartenspiele fehlen – meist spielten wir Skat. Ich werde nie seine, ebenfalls, stechenden
Augen vergessen, als er mit dem letzten Stich laut Atu ausgerufen hat. Das Spiel hatte
er gewonnen – das Leben ist eine andere Sache.
Einer, der wirklich zwischendurch Sex hatte war unser Gay Pinguin. Schleife war auch so
eine Art Betrüger – ich hab schon vergessen auf welchem Gebiet er tätig war. Jedenfalls
musste er einmal zu einer externen Befragung. Da gibt es wohl auch kleine Sammel-
Transporter, die die Delinquenten zur jeweiligen Stelle bringen. Schleife kam einen Tag
später kwietschvergnügt auf mich zu und berichtete, was letzte Nacht passiert war.
Er war allein mit einem Marrokaner in diesem Transporter. Schleife machte ihm
verständlich, dass er Sex wollte, und irgendwie wußte Schleife, dass die Araber oder
auch Magribiner vor nichts zurückschrecken – was das betrifft. Wahrscheinlich hatte sich
Schleife Anregungen in München geholt – in dieser gewissen Gegend, in der auch
Mooshammer unterwegs war – tja bei Moosi ist das gründlich in die Hose gegangen.
Jedenfalls war die Operation für Schleife sehr erfolgreich und er war ausser sich vor
guter Laune. Er war noch richtig verträumt, als er schilderte, wie ihm der Marrokaner
die Gurke aus der Hose fischte und ihm langsam einen zu Blasen begann. Das war wohl
so eine Art Vorspiel, weil Schleife im nächsten Moment begann, seinen Prachtbolzen in
die Nähe der MarrokanerPoperze zu dirigieren. Begeistert erzählte er, dass das
MarrokanerArschloch ganz feucht war und er so ungehindert eindringen konnte. Ich
schaute mich gaaaanz langsam nach einer Fluchtmöglichkeit um, weil mir sein Furor
langsam unangenehm wurde. Wollte er mir den Mund wässrig machen? So nach dem
Motto:Hey Alfonso, über kurz oder lang sind die Heteros alle „knastschwul“. Was für ein
Wort. Knastschwul! Nach dem Motto: Arsch ist Arsch, Augen zu und rein den Barsch.
Was für die einen gut ist, muss für die anderen nicht schlecht sein.
Ich blieb konservativ und hab mir ganz allein einen runtergeholt.
Ich hab im UG immer gearbeitet. Die Bücherei war ein Traum – keine Frage. Bücher so
viel man will und ich hab sie alle gelesen auch: „Das Planiversum“. Es ist eine Art Si-Fi,
wenn man so will, aber nur, weil die Situation so anders jedoch auch so vertraut ist.
Das Planiversum ist eine 2-dimonsionale Welt, d.h. es gibt kein vor oder hinter, nur hoch
und tief. Es wird dort der Alltag in dieser Welt geschildert und das wirkt so strange, dass
man sich das zuerst gar nicht vorstellen kann. Es verändert den Blick für die Realität.
Was ist Wirklichkeit? Mein guter Freund PKD, Philip K. Dick, hat sich in so vielen
Geschichten darüber Gedanken gemacht. Er war wirklich ein ganz Grosser.
Fixpunkte waren immer die Bibel und die ganz alten Philosophen.
Das Planiversum zwingt einen dazu im wahrsten Sinne des Wortes eine ander Perspektive
einzunehmen und sie auch intellektuell zu verarbeiten, wenn man dann will. Das wirkt
sehr beengend, befreit aber u.U. den Geist. Prädikat: Empfehlenswert!
Selbst als ich auf „Trennung“ kam, habe ich versucht, das Beste aus meinen momentanen
Möglickeiten zu machen. Ganz wider meiner Natur, wie viele meiner Freunde bestätigen
können. Ich brülle schnell los und bin auch sonst ein ganz gesunder Choleriker.
Wenn die Sache allerdings sehr groß wird, dann werde ich ruhig und fange an konstruktiv
zu denken. Ganz merkwürdig oder vielleicht auch nicht.
Also, Tütenkleben ist eine Kunstform. Es gibt so schwierige Versandtaschen, die bei der
Herstellung großes Geschick erfordern. Ich weiß, das kann sich momentan hier keiner so
richtig vorstellen. Ich bilde mir ein, ein ziemlich guter und sogar erfolgreicher
Tütenkleber gewesen zu sein. Es gab auch für die UG-Verhältnisse, gutes Geld. So 240
300 DM. Was mich dann so ein wenig angepisst hat, waren die Schnorrer. Ich meine,
wenn ich schon im UG bin und zumindest 16 Std nicht wirklich was zu tun hab – dann
kleb ich Tüten oder gebe dem Schreiber die Kugel. Aber dieses Rumgejammere, kein
Geld zu haben aber trotzdem keine Tüten kleben wollen, um ein wenig Geld zu
verdienen – das hab ich nicht verstanden. Ich kam aus einer Arbeiterfamilie. Ich war der
erste Arbeitersohn, der auf ein Gymnasium gesandt wurde. Da ich immer Geld brauchte,
hab ich zuerst mit meinem Vater Die „Biiiiild am Sonnach!“ ausgetragen. Das war insofern
problematisch, weil wir dann immer am Sonntag schon gegen 5 Uhr aufstehen mussten.
Das behagte meinem Biorhythmus üüüüberhaupt nicht. Mir übrgigens auch nicht.
Es kam die Zeit, wo der Sohn flügge wurde und sich sein eigenes Fahrrad kaufte.
Mit diesem Fahrrad hat dann der flügge Sohn das Abendblatt ausgetragen und somit, weil
er auch zuverlässig war, ein kleines Vermögen gemacht, was aber teilweise gleich wieder
in Dope oder LSD angelegt wurde. Mit dem Abendblatt in Groß Flottbek hab ich jeden
Monat zwischen 150 und 200 DM verdient. Doch die schönste Zeit war immer die
Vorweihnachtszeit. Da machte sich die ganze Zuverlässigkeit und Beflissenheit der
Zustellung des HA bezahlt und ich meine bezahlt! Leute ich hab an einem Weihnachten
über 600 DM Tipp gehabt. Buchstäblich um es mit Karel Gott zu singen: einmal um die
gaaanze Welt und die Taschen voller Geld…Zumindest der letzte Teil stimmte. Wow!!
Und das ist der Grund warum ich die Fraggles im UG nicht verstehen konnte. Sie sitzen in
ihren Zellen, beklagen ihr Los und lenken sich nicht durch Jobs wie Tütenkleben ab.
Ich fand das teilweise sogar meditativ. „Always take the weather with you“ von Crowded
House, war so ein Titel im Radio, der mich aufgebaut hat. Dieser abruppte Tonwechsel,
der erst was bedrohliches ausstrahlt, wie dunkle Wolken die aufziehen um dann wieder
ganz versöhnlich zu werden, wie das Wetter eben auch. Toller Song und tolle Truppe.
Meine Qualität der Tüten war schon fast berüchtigt. Ich erinnere mich noch gern an die
Zeit als der Beamte kistenweise gut geklebter Tüten aus meiner Zelle wuchtete.
Die Zeit des Tütenklebens war die sogenannte Zwischenzeit. Also zuerst war ich in der
Bücherei, dann kam die Trennung für viele Monate und dann konnte ich den Rest meiner
UG-Tage wieder in der Bücherei arbeiten, weil die Trennnung aufgehoben wurde. Man
hat mich gern wieder eingestellt. Das war ein wunderbarer Tag, zumindest was diese
Zeit betraf.
Man lernt beim Hofgang auch Leute kennen, die sich auch unterhalten wollen. So ganz
neutral zuerst. Danach lernt man den einen oder anderen näher kennen. Shosho war
einer, der mal in einem Ashram gelebt hat – daher der Name. Den Namen auf seinem
Ausweis hat er mir nie verraten. Muss einen Grund gehabt haben. Willi Wichtig
vielleicht? Also, Shosho war in Not, d.h. klamm, weil so ein Ashram nicht viel abwirft.
Nein, es war ganz anders. Shosho hatte eine Methode, Dealer, die Verstecke für ihr Dope
angelegt hatten, aufzuspüren. Waren die Dealer weg, hat sich Shosho an deren
Hinterlassenschaften gütlich getan. Gut abgeräumt, bis, ja bis ihm Zivis auf die Schliche
gekommen sind. Ich glaube nicht, dass sich Dealer über den Verlust bei der Polizei
beschwert haben, ich glaube, Shosho hat nur einmal Pech gehabt. Er hatte gerade ein
Kilo dabei und wurde verhaftet und landete im UG. Mittelos, chanchenlos und hilflos.
Da versuchte er mich anzupumpen. Und das hat funktioniert. Ich erstand im hauseigenen
Laden Früchte, Gemüse, Wasser und Tabak und sagte dem Beamten, dass dieses Paket
für Shosho einen Stock tiefer sei. Er meinte, das ginge nicht wegen der Vorschriften.
Worauf ich entgegnete, dass alles aus diesem Laden ist und somit keine Gefahr besteht.
Nö! meinte er – zumindest muss das geprüft werden. Er nahm also das Paket mit und
Shosho hatte noch immer nichts. Wie es der Zufall so wollte, war sein Zimmer direkt
unter meinem. Da funktioniert so ein Waschbecken als Sprachrohr. Wir konnten uns
durch das Abwasserrohr unterhalten. Ich sagte, dass der Beamte die Ware noch prüfen
muss, so ein Verwaltungsakt. Tja, tut mir leid. Ich glaub das hat ihn voll getroffen, war
aber nunmal nicht zu ändern. Sorry Baby, aber ich muss jetzt mein TV anschließen und
ein klein wenig Freizeit haben mit einem kleinen Glas Dope und anderen
Genüsslichkeiten.
Letztendlich muss man selber sehen, wie man klarkommt. Vor meiner Trennung, war
auch eine Situation, die bestimmt nicht geplant war von der Justiz, man kann, wenn
man gehässig ist von einem, na ja, kleinen Justizirrtum sprechen, der aber schon darauf
hindeutete, dass was im Busch war wie dann schließlich die Trennung. Eines Morgens geh
ich aus der Tür um den Kalli abzufangen, der das Frühstück brachte und blicke so
flüchtig nach rechts. Was ich sah elektrisierte mich. Es ist klar, dass über Nacht auch mal
die Zellennachbarn ausgewechselt werden, weil das UG ja nur eine Zwischenstation
darstellt – es kommt der Prozess und dann die Verurteilung und anschließend wird man
freigesprochen, was, glaube ich, eher selten geschah. Der Umzug in den Regelvollzug
war dann die Regel.Ich schaue also nach rechts und wen sehe ich da? Einen Mitarbeiter
aus meiner ehemaligen Firma Owen B., ein Kanadier.Ein ganz schmaler Hering aber
1,90m groß. Er war der Trader in unserer Firma, er legte das Geld der Kunden an und
beaobachtete die Bewegungen an der Börse in New York. Wir waren im
Warenterminhandel unterwegs und suchten per Telefon Kunden, die das Geld hatten und
auch den Willen bei uns Kontrakte zu kaufen. Das Geld ging meistens verloren, weil es
für ander Zwecke gebraucht wurde. Viel Koks und andere Substanzen wurden benötigt
um das Geschäft am Laufen zu halten. Es war tatsächlich eine Firma, die aus
Turnschuhbrokern bestand und ich war der GF. Dazu gab es sogar mal einen
Zeiungsartikel oder sogar Spiegel-Titel: „Hier endet der Weg des Geldes“. Schön
aufgemacht mit einem Foto der damaligen Firma. Ein ehemaliges Straßenbahndepot in
Altona mit diesem schicken Post industriellen Ambiente. Schluckimpfung in China –
Lumber – Termitenplage in USA einfügen.
Es gibt verschiedene Wege, den Reichen das Geld aus der Tasche zu locken. Sie gierig zu
machen ist eine sehr effektive Methode, gepaart mit der richtigen Stimme, kann man ein
Vermögen machen. Im Warenterminhandel setzt man auf die Zukunft, entweder auf
fallenden oder steigenden Kurs – man kann bei beiden gewinnen – ist aber auch eine Art
Glücksspiel. Es ist eher lästig, den Leuten mit den üblichen Märkten zu kommen, wie
Edelmetalle oder Devisen -um erfolgreich zu sein, und das wollten wir, mussten wir der
geschätzte Klientel auch mal andere Märkte bieten: es gab tatsächlich Tage da wurde
eine Parole von den Chefs ausgerufen an diesem Tag nur Kontrakte für Bauholz zu
verkaufen. Jeder Turnschuhbroker bei uns fragte sich natürlich, wie man Bauholz für den
potentiellen Kunden attraktiv machen könnte. Macht ja erstmal von der Sache nicht viel
her, dieses Bauholz. „Denkt euch was aus“ meinte Hans. Bauholz geht ab, weil eine große
Termitenplage in Nordamerika herrscht und die ganzen Häuser regelrecht weggefressen
werden. Da wird Bauholz (also Lumber) knapp und steigt somit schnell im Preis. Da muss
der verehrte Kunde ganz schnell einsteigen. Mit diesen Argumenten wurden tatsächlich
einige Kontrakte verkauft und das Schicksal konnte seinen Lauf nehmen.
Eine andere Geschichte, die ich sehr originell fand war, in Zucker einzusteigen. Alle
Broker prügelten verbal auf ihre potentiellen Kunden ein mit dem Argument, dass in
China und Indien demnächst Schluckimpfungen stattfinden für die man, ja genau,
Zuckerwürfel braucht und so ein Stück Zucker mal 3 Mrd. Ergibt auf jeden Fall für einen
kurzen Zeitraum Zuckerknappheit: also steigen Sie ein und gehören zu den Gewinnern.
Es war keine schöne Zeit, sich immer das Gejammer der Loser anzuhören, die dann aber
kein Geld nachschießen wollten. Die wurden dann auf das übelste bepöbelt und
lächerlich gemacht. Ganz schlimm, na ja, so oft war ich nicht in meiner Firma. Ich
musste viel reisen und Geld abheben.
Die einzige Abwechsung bestand darin, dass die obersten Bosse hin und wieder mal eine
Gruppenreise spendierten mit allem drum und dran. Eine Fahrt ging als Reisgruppe
Schmidt getarnt nach St. Peter Ording an die Nordsee. 50 Freaks in einem Bus, die auf
diese ahnungslosen Einwohner und Urlauber losgelassen wurden.
Es war nicht das dreckige Dutzend sondern die halbe Hundertschaft der Heimsuchung,
die da auf dieses kleine Örtchen zukam. Wir hatten ein Hotel gebucht, d. h. einen
ganzen Flügel für uns, was praktisch war, denn so konnten wir uns ungehindert bewegen
und einige Leute konnten ihrer Leidenschaft frönen, wie z.B. Inneneinrichtungen zu
zerlegen und Waschbecken zu demolieren, Wände zu beschmieren und irgendwo hinter
die Couch zu scheissen – am Schluss natürlich erst. Ich habe mich gefragt, weil ich nur zu
den Beobachtern und nicht zur aktiven Klientel zählte, ob diese Freaks zu viele Rockstar
Biografien gelesen hatten und sich vielleicht einmal so fühlen wollten wie sie, bloß ohne
Musik. Es gibt ja diese Doku über Rockstars, in dene Tommy Lee, der Drummer von
Motley Crue erzählt, wie er Ozzy O. kennenlernte und zwar richtig. Nach den Konzerten,
war Ozzy dermassen dicht auch von „H“ ,dass er dummerweise nie ins Koma gefallen ist
sondern hellwach blieb, was Tommy Lee sehr zu schaffen machte, weil er Ozzy nicht vor
den Kopf stossen wollte ging er mit auf Ozzy’s Zimmer, wo sie noch was tranken und Ozzy
plötzlich Dünnschiß bekam. Er dachte gar nicht daran zur Toilette zu eilen, sonder schiß
sich in die Hose und verschmierte seine Exkremente im gesamten Hotelzimmer. Da kam
Freude auf bei Tommy Lee. Das ist dann doch eine andere Nummer, wie Gruppensex mit
irgendwelchen Groupies zu haben – ganz sicher.
Wir waren nur Freitag Abend bis Sonntag Morgens dort. Das hat aber gereicht, um einen
Schaden von ca. 60.000 DM zu evozieren. Es wurde aber auch alles bezahlt – denn Geld
spielte wirklich keine Rolle und somit kam es bis auf einmal zu keinem Polizeieinsatz.
Nicht einmal, ich darf es hier kurz vorausschicken, als wir den Sonntag als wir wieder in
HH waren, das WM-Endspiel Deutschland-Argentinien gesehen hatte. Das war 1986 und
somit, die Fans wissen es, das Spiel was Deutschland verloren hat (4 Jahre später war es
umgekehrt dank Brehme). Also wir sitzen im Mühlenkamp in dieser feudalen Bar und
schauen das Finale. Hans und einige andere gewaltbereite „Kollegen“ führten das Wort,
ja sie dokumentierten das Spiel. Es wurde einiges getrunken. Früher oder später musste
ich pissen. Unten im Klo angelangt wollte ich nur meine Stange Wasser in die Ecke
stellen und dann wieder hoch. Und dann höre ich so ein Stöhnen aus dem Scheisshaus
und wunder mich noch und denke da hat doch einer Verstopfung und kriegt den Proppen
nicht aus dem Arsch – aber Nein, es war ganz anders. Paul war dabei das gesamte Klo
auseinander zu nehmen. Das strengt natürlich an und kann zu Stöhnen führen. Er bat
auch um meine Mithilfe – was ich dankend ablehnte und schleunigst wieder nach oben
gelangte. Dort wurde die Stimmung mieser, weil Argentinien auf der Gewinnerstrasse
war.An Rassimus angelehnte Witze wurden über die Argentinier gemacht und als das
Spiel aus und entschieden war wollte ich mich gerade erheben und sehe noch aus dem
Augenwinkel, dass etwas auf mich zuflog. Das Etwas entpuppte sich bei näherer
Betrachtung, weil es sehr nah an mir vorbeiflog konnte ich es erkennen, als massiver
Kristall-Aschenbecher, der auf dem Weg zum Fernseher war. Ich wünschte „Bon voyage“
und gleichzeitig gab es einen guten Rumms und der Fernseher implodierte. Es gab
Applaus, als auch Hans schon zu wissen begehrte, wieviel der Fernseher kostet. Der Wirt
meinte 2000 DM, die ihm sofort ausgehändigt wurden. „Ach so“ meinte er weiter, „im
übrigen kannst du nochmal 10 Mille für die Toilette rausreissen, die dein Bruder so
liebevoll bearbeitet hat – steht alles unter Wasser“. Mit einem kurzen Seitenblick auf
Paul, zahlte Hans ohne zu murren und wir gingen.
Im Hotel in StPeterOrding ging nichts seinen geregelten Gang. Freitag Abend haben wir
uns alle in das „Nachtleben“ gestürzt. Einem guten Rat von Thomas und Poppo folgend,
blieben wir drei zusammen, weil wir mit diesen destruktiven Methoden einfach nichts zu
tun haben wollten. Wir assen alle bei einem Italiener und es war abzusehen, dass noch
irgendein Missgeschickt provoziert werden würde. Wir Drei zogen uns zurück und
machten unser eigenes Ding. Beim Hinausgehen sahen wir noch, wie ganz hinten im Saal,
die ganze Meute geschlossen aufstand und mit ihren Knien den ganzen großen Tisch
umgeworfen hat – Richtung der anderen Gäste – oh sorry ganz aus Versehen. Es hatte
etwas surreales an sich und da der Tisch quer stand konnte man fast aber auch nur fast
den Eindruck gewinnen dass es das letzte Abendmahl von Da Vinci darstellen könnte.
Das letzte was ich sah, dass Hans seine Brieftasche zückte und den Daumen nass
machte.
In dem Ort war nicht viel zu holen, also im übertragenen Sinn. Wir haben noch irgendwo
Billiard gespielt und Heiko noch in den örtlichen Puff begleitet. Er schob ne Nummer und
wir haben unten an der Bar so nen ChilliDrink probiert. War schon hart. „Na wie war’s
Heiko?“ Ich glaube, er fand es nicht so prickelnd.
Wir dachten, dass man langsam zurück zum Hotel schlendern könnte, so ganz in Ruhe.
Plötzlich setzte ein Lärm ein, dessen Ursprung in der gerade um die Ecke biegenden
Meute begründet lag. Es war große Aufregung, weil der besoffene Sunshine-Boy
unbedingt das Flugzeug, ein Ausstellungsstück auf Dauerleihgabe, vermute ich, kaufen
wollte. Hans redete ihm gut zu und versuchte das Gespräch, soweit man das noch
menschliche Konversation ohne Urlaute nenne konnte, auf ein anderes Thema zu lenken.
Und tatsächlich gab der Sunshine-Boy irgendwann auf. Wahrscheinlich keine Argumente
mehr. Zurück im Hotel war noch lange nicht Schluss. Ich hatte den Eindruck, dass sich
noch mal alles sammelte, um noch einmal die große Welle zu reiten. Das lag natürlich
auch an dem Marschierpulver, das in großen Mengen genossen wurde, da kann doch kein
vernünftiger Mensch mehr schlafen.
Paul, mit dem ich dummerweise ein Zimmer teilte, widmete sich ausführlich und
gründlich seiner Lieblingsbeschäftigung: die Kücheneinrichtung zu zerlegen. Was er da
machte, sah eigentlich wie ein Handwerk aus – bloß andersrum.
Später war es ein wunderschöner Sonnenaufgang, so als könnte dieses Ereignis, alles was
in der Nacht passiert war, vergessen machen. Aber das Happening war noch nicht
zuende. Einer kam auf die Idee morgen um 5 FussballTennis zu spielen. Und ich spielte
mit und ehrlich gesagt, habe ich das sogar als ganz normal empfunden. Es machte
tierisch Spaß und wir freuten uns wie kleine Kinder, na ja, und Kinder machen natürlich
auch Lärm. Die anderen Gäste mussten wohl in einem AlbTraum aufgewacht sein.
Vereinzelte Stimmen, die sich beklagten, vermehrten sich und eine Kakophonie von
selten gehörte Eintracht brach sich Bahn. Wir konnten das gar nicht verstehen und
erklären konnten wir uns das auch nicht. Aber dann kam jemand, der es uns erklären
konnte: die Polizei. Wir gaben uns einsichtig und trotteten in unsere Zimmer und jetzt
erinnere ich mich wieder – wir mussten plötzlich abreisen – aus diversen Gründen. Der
Hauptgrund war, dass wir rauflogen. Dann kam die Geschichte mit dem Endspiel…–
PUFFBESUCH – Puffbesuch einfügen – Funny Club!
Ich musste schmunzeln und erinnerte mich plötzlich an meine Zeit bei der CityAB. Lose
Jungs – Turnschuhbroker halt. Ich war einigermaßen erfolgreich was die Broschen betraf.
Als Broschüren-Mann braucht man Geduld bevor die ersten Kontakte positiv verlaufen
und der potentielle Kunde dann mit etwas Glück einige Kontrakte ordert. Es wurde viel
gesoffen und gekokst und ansonsten auch telefoniert. Wenn einer in Hans‘ Augen zu
wenig telefonierte, drohte er ihm ein Scheibentelefon an – die Älteren wissen es noch –
eine Wählscheibe statt Tasten. War aber fast nie ernst gemeint. Ich hatte einige gute
Broschen draußen und keiner konnte so recht begreifen, warum ich nicht erfolgreich bin.
Da kam Heiko, ein wirklich guter Verkäufer und Loader. „Mensch Alf, das kann doch nicht
sein, dass deine Broschen so schlecht sind!“ „Gib mal 4 Stück davon her. Ich gab ihm
meine Broschen und er begann zu telefonieren. Diese Telefone hatten ein sogenanntes
zweites Ohr, also eine Nebenabhörstelle, mit der ein Kollege das Gespräch kontrollieren
konnte, sozusagen.
Ich war also am zweiten Ohr und hörte wie das Gespräch begann. Unangenehmerweise,
rückte diese Aktion in den Focus der gesamten Abteilung. Neugierig saßen sie da und
verfolgten was immer da jetzt kommen möge. Sie tranken viel. Meistens Schnaps mit
Begleitgetränken. Meine Broschüren standen absolut vor einer strengen Qualitätsprüfung
und alle sahen und hörten zu. Heiko sagte sein Sprüchlein auf und begann langsam sein
Angebot zu unterbreiten. Ich traute meinen Ohren nicht, der Typ am anderen Ende war
interessiert. Das liegt an Heikos Stimme, der hat irgendetwas in seiner Stimme, was die
Leute gefügig macht wäre zu viel gesagt, aber er hat was in der Stimme. So wie gute
Sänger auch. Heiko hat im Verlauf von einer Stunde 4 Gespräche geführt und sage und
schreibe 3 Openings hingelegt, die auch noch am selben Tag von der Bank bestätigt
wurden. Ich war sprachlos und die anderen auch. Ich bedankte mich bei Heiko, doch er
sagte, ohne meine gute Vorarbeit hätte vielleicht nur ein Opening geklappt. Toll!
Es ging ein kleiner Geldregen am Monatsanfang auf mich nieder. Es waren ca. DM 25.000
und zu meinem Erstaunen kam Heiko noch in die Abteilung und hielt mir einen
Düsenjäger(Tausender) vor die Augen. „Alter für gute Arbeit!“ Thanks man. Und schon
war Schwani an meiner Seite. Der ChefKoksverkäufer in der Firma. „Na mien Jung was
brauchste?“ „Gib mir zwei“ hörte er mich antworten. Glücklich bin ich aus der Firma
raus, hab Champagner gekauft und war auf dem weg in die „Winde“, um den kleine
Erfolg zu feiern. Ich komme hoch – keine Sau da. Das passiert alle hundert Jahre einmal
und heute war es soweit. Ich nicht faul, die Flasche geköpft und drei Nasen
weggemacht. Geht doch!
Der finanzielle Druck war wie weggeblasen und die Arbeit machte plötzlich Spaß. Im
nächsten Monat, das wusste ich kamen nochmal mindestens 10 Mille auf mich zu. Klang
verdammt gut. Dann eines Feierabends, es kann ein Donnerstag oder Freitag gewesen
sein – ich wollte gerade aus der Tür treten, ereilte mich der Ruf von Hans, seines
Zeichens Mitinhaber dieser Firma. „Alfons, du wolltest doch bestimmt nicht nach Hause,
oder?“ „Eigentlich schon“ entgegnete ich. „Heute nicht mein Lieber – heute gehen wir in
den Puff und du bist dabei!“ „Du Hans, ich hab für solche Eskapaden momentan
finanziell überhaupt nichts übrig“. „Deswegen bist du auch eingeladen, Alter. Es geht in
den Funny-Club, Lokstedter Steindamm. Taxis sind gleich da“ flötete er und war so
richtig in seinem Element. Es war eine ausgesuchte Truppe und ich fühlte mich ehrlich
geschmeichelt mit den Insidern loszumachen. Wir waren, glaube ich zu acht, was die
Anwesenheit von zwei Taxis erforderlich machte. Angekommen, wurden die
Droschkenfahrer entlohnt und wir gingen in den Funny-Club. Ich kannte diesen
Pergolabehangenen Eingang vom Vorbeigehen oder bin mit dem Bus vorbeigefahren.
Jetzt stand ich vor diesem Club und war eingeladen. Draußen setzte die Dämmerung ein.
Innen stießen wir auf eine komfortable Bar mit wenig Licht, es war angenehm
schummrig. So stellte ich mir das bis hierher auch vor. Man war noch gar nicht auf
unseren Besuch eingestellt, es begann dezentes aber reges Treiben. Hübsche Frauen
eroberten den Tresen und die Jungs begannen mit ihrer Wahl. Das war neu für mich und
ich ahnte, dass ich hier willkommen war. Ich musste nur zugreifen. Das ist dann plötzlich
gar nicht mehr so leicht. Ronnie, unser Broschenmaskottchen war mit zwei Damen im
Gespräch und sagte zu mir:“ Eh Alfonso, lass uns mit den beiden Damen auf ein Zimmer
gehen, evtl. springt da ein ungezwungener Vierer raus. Mal auf uns zukommen lassen.
Diese Kooperation sollte sich als ganz glücklich erweisen, die beiden Mädels waren ganz
nett, man konnte sich auch gut mit ihnen unterhalten, bloß auf Ficken hatten wir
komischerweise weniger Bock. Das kann am Koks gelegen haben, zumindest bei mir hat
dieses Zeug eine antilibidöse Wirkung. Ging später aber vorbei. Wir flachsten so vor uns
hin, als es auf einmal klopfte. „Zimmerservice, einmal Champagner bitte“ Wir waren
baff und waren ganz angetan. Der Hans hatte wirklich an alles gedacht. Champagner ist
tatsächlich ein Antidepressivum. Kaum war die eine Flasche leer, klopfte es auch schon
und dienstbare Geister brachten die nächste Flasche. Bei der dritten oder vierten
Flasche, die gerade gebracht wurde hörten wir im Flur plötzlich ein Mordsgeschrei und
es gab keine Zweifel, dass diese Stimme Heiko gehörte. Er hatte wirklich die ganze
Bandbreite der Stimmenklaviatur drauf. Was mich ein wenig nervös machte war, dass er
nach Champagner rief, er hätte die Flasche schon vor einer Stunde bestellt. „Was für ein
Sauladen“ schrie er. Wir machten schnell die Tür zu und gaben dem Service-Mann zu
verstehen, dass er sich wohl in der Zimmernummer vertan hatte und jetzt wirklich ganz
schnell den schreienden Mann beglücken sollte. Ich hab dann tatsächlich noch im
sogenannten Astronauten-Zimmer eine kleine Nummer geschoben, ganz züchtig und vor
allem mit dem Fez on: You kow Steely Dan: „I‘m never gonna do it without a fez on“.
Da war insgesamt ein netter Abend, der nicht zwangsläufig auf Ficken ausgerichtet war,
jedenfalls nicht bei mir. Wir beschlossen, als wir wieder zusammen waren, hinunter zu
gehen und noch einen Drink oder auch zwei zu nehmen und evtl. noch auf die Jungs zu
warten. Wir sind dann aber noch kurz in den Keller gegangen, wo noch eine Pool-Party
angesagt war. Grinsende Jungs und Frauen bei der Arbeit. Owen B. sonnte sich förmlich
beim Blasen der guten Frau und ich wußte, dass Owen immer Koks auf seine Eichel
schmiert, um den Orgi ganz weit hinauszuzögern. Diese Ratte. Er hielt die Dame
förmlich bei der Stange. Ja so war er. Die anderen sahen auch ganz nass aus, amüsierten
sich aber prächtig. Von Champagner-Mangel keine Spur – von dem andern auch nicht.
Später dann stießen sie noch zu uns. Wir tranken noch den einen oder anderen und
lösten uns allmählich auf. Ich hatte es nicht weit zum Hellkamp. Ich trat vor die Tür und
es graute der Morgen. Wird ein schöner Tag, dachte ich. Hans hat uns für heute Frei
gegeben. Ganz schön nobel von ihm. ————-
Privat Reisen Portugal – England
Es ist ja immer eine gewisse Logik in so einem Knast. Alles was man kennt oder zu
kennen glaubt sind viele Klischees, die aber zu mindestens 50% zutreffen.
Während ich also schön Tüten klebte, hat sich die Welt da draußen verändert. Ich konnte
das nur zu einem ganz, ganz kleinen Teil. Ich musste mit ansehen, wie sich die Welt da
draußen mit Riesenschritten davon machte – ich blieb zurück. Meine damalige Verlobte
hat sich von mir getrennt (Sie will ihren Namen hier nicht sehen -aber dass sie A.
Schuster hieß kann sie mir nicht verübeln, besser noch ich nenne sie Anette S. – das ist
weniger auffällig. Man muss in so einer Situation aufpassen, nicht durchzudrehen. Ich
sagte mir immer, OK – das geht vorbei. Wenn sich erst einmal die Staatsanwälte und
Verteidiger vor Gericht ausgetobt haben, legt sich der Sturm, wie immer, wenn er genug
hat. Doch dieses Innehalten heißt ja nur, wieder frische Energie zu schöpfen, um zu
gegebener Zeit sein Potential zu entfalten. Na ja die Beziehung zu Freunden und
Verwandten war eigentlich im Großen und Ganzen von großer Solidarität geprägt. Sie
wussten, was man mir vorwarf und kamen wohl zu dem Entschluss, dass meine Taten
nicht unbedingt verabscheuungswürdig seien. Als Pädo wäre das zurecht eine andere
Geschichte. Meine Eltern und Geschwister hielten zu mir genau wie meine Freunde und
das waren und sind nicht gerade wenige. Meine Eltern dachten praktisch und haben erst
mal den Golf GTI verkauft, Mitternachtsblau metallic, 160 PS, was damals noch recht
viel war. Mann, dieses Auto hat mich durch mindestens halb Europa gebracht ohne einen
Ölwechsel, das Auto wurde immer sparsamer und hat auf den Olympiastrassen von
Spanien (die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 standen ein Jahr später an und die
Infrastruktur wurde großzügig ausgebaut, tolle Straßen – man schwebte förmlich auf
ihnen). Jedenfalls mein GTI verbrauchte auf 100 KM nur noch sage und schreibe 6,5 L.
So fuhren wir Richtung Portugal mit 30Tausend DM , die uns vorher noch der Tommy
gegeben hatte, so als Trostpflaster. Ich war auch zu blöd. Ich hätte von vornherein viel
mehr fordern sollen oder gleich damals mit den 6 Mio abhauen sollen. Es wäre gaaar nix
passiert – doch – ich wäre um 6 Mio reicher und hätte in den letzten Jahren den Gewinn
mindestens verdoppelt – hätte meine Schulden zurückbezahlt….. u.s.w.
Portugal war klasse. St. Nazaré. Tolles Zimmer: Chambre, ´chambre Madam klang der
Chor der arbeitslosen Fischerfrauen – und wir haben ihn erhört. Gutes Wetter und gute
Laune waren die nächsten 3 Monate angesagt. Zu allem Überfluss lernten wir auch noch
Albert kennen. Nicht Alberto oder Albert(frz.) – nein Albert. Der Typ verstand kein Wort
Deutsch oder Englisch, trotzdem konnten wir ihn so weit abrichten, dass er uns einen
Klumpen wirklich guten Dopes verkaufte. Ich hoffe, dass er seinen Schnitt gemacht
hatte, denn die Qualität war einfach exzellent.
Schön was weggeraucht und abends ins Restaurant und was Schönes gegessen, denn
Kochen war nicht A.S. Stärke.
St. Nazaré war eine schöne Bucht und an einer Seite ziemlich hochaufragend. Wollte
man sich den Weg aus der Bucht sparen, musste man eine Seilbahn nehmen, die einen
fast schwerelos nach oben brachte. Dort oben haben wir auch Eva und Freddy aus Hamm
oder so, jedenfalls an seinem Dialekt unschwer als „Ruhrpottler“ zu erkennen,
getroffen.
Die beiden hatten sich außerhalb eine Bleibe gesucht und tatsächlich war das wesentlich
günstiger als unser bescheidene Hütte. Aber wir waren am Puls der Zeit und vor allem
wir hatten Albert, der Nachschub liefern konnte – Geld war egal.
Eva war eine polnische Blondine, sehr sympathisch und ich fragte mich heimlich, wie
Freddie an so eine tolle Frau gelangen konnte. Na ja, im Endeffekt egal.
Freddie war ein freundlicher Dampfplauderer, dem man nichts krumm nehmen konnte.
Er erzählte ein wenig aus seinem Leben und auch die etwas schwierigeren Ereignisse in
seinem Leben klangen aus seinem Mund, tja ich kann es nicht anders sagen, unbeschwert
und höchstens ein wenig melancholisch. Ein Mensch, der dem Leben gegenüber immer
aufgeschlossen zu sein scheint. Das bewundere ich.
In meiner Situation damals war das der Tanz auf dem Vulkan. Das konnte ich natürlich
nicht propagieren obwohl das wohl niemanden dort interessiert hätte. Fast alle konnten
kein Deutsch und ich konnte kein Portugääsch.
Wir machten auch Sight-Seeing und ein wenig auf Kultur. Wir besuchten Heimatmuseen
und versuchten ein wenig von der Kultur zu verstehen – es war schwierig – obwohl die
Bilder, die Kunstwerke sprachen eine universelle Sprache, die jeder Mensch verstehen
konnte auch wenn er taub war. Wir besuchten Batalha mit seinem unvollendeten
Kirchen-Achter. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass viele sakrale Bauten auf unserer
Tour waren. Ach! Richtig! Da war auch Evora, diese kleine Stadt mit den riesigen
Katakomben voller Knochen, Schädeln und… Dort war über einer Kaverne voller Schädel
eine Inschrift, die ich nicht entschlüsseln konnte obwohl es Latein war. Ein Besucher und
vielleicht auch Terrorist, pardon, Tourist, wusste um die Bedeutung dieser Inschrift. Er
sagte:“ Unsere Knochen warten hier auf eure!“ Uhuu – Schauder überfiel mein
schütteres Haupt. Das war mal eine Ansage.
Irgendwann kam dann auch der Lockruf der Heimat. Scheiße – ich weiß!
Eimsbüttel wurde wieder das Zentrum. Eine Frau von der ich leider wenig wissen wollte
und vielleicht auch durch meiner Mitwirkung wandte sie sich mehr und mehr dem Alk zu.
U.U. muss ich mir das ankreiden. Es war so wie es war.
Auf jeden Fall empfand ich es als dankbare Ablenkung als mich der Ruf nach good old
London ereilte. Ich durfte Urlaub machen. Das war vorher im Frühjahr 1991. Ich durfte
jemanden mitnehmen und dieser Jemand war IRO. Ich hätte keine bessere Wahl treffen
können. Auf Firmenkosten mal einen drauf machen. Der Flug war klasse – wir kamen zur
selben Zeit an, wie wir losgeflogen sind – „with the sun“ sozusagen.
Mit dem Taxi zum Hotel, ich glaub es hieß Forum-Hotel. Wir hatten ein Doppelzimmer,
aber sehr geräumig – 4 Zimmer plus Küche – obwohl wir nie gekocht haben – egal!
Es war kaltes Frühjahr, IRO hatte zwischenzeitlich Geburtstag – Hab ihn zum Inder
eingeladen, was beinahe letal geworden wäre – rein kulinarisch versteht sich. Da die
englische Küche nur durch die indische Küche ihren Ruf wahren konnte, in letzter Zeit
soll das merklich besser geworden sein, war für uns klar – nur Indisch kommt für ein
Geburtstags-Essen in Frage. Wir also los. Vorher waren wir noch in einem Pub. Wir haben
es ganz willkürlich ausgesucht – per Zufalls-Ted sozuagen. Wir betraten da Etablissement
und schon wurde unsere Platte aufgelegt – ihr wisst schon. Tolle Atmosphäre, entspannte
Menschen, ein Schnack hier: „Ah Hamburg, I love Hamburg and the St. Pauli Football
Club, a little bit like England in Hamburg. Oh ha – dachte ich, die wissen bescheid. IRO
was not amused, weil er HSV-Fan war. Er machte das auch deutlich, in dem er eine
Runde ausgab und schrie: „ auf den HSV – it made Kevin Keegan great!!“
Das war ein gutes Argument, um sie auf unsere Seite zu ziehen. Letztendlich einigten wir
uns auf ein großartiges Unentschieden!
Verbohrtheit geht anders.
OK, nach einigen Pints sind wir einfach losmarschiert, um einen „Inder“ zu finden.
Den fanden wir, es sah von außen gut aus und war auch von innen gut zu goutieren.
Die Speisenkarte war zum Glück sehr übersichtlich, was meines Erachtens, ein gutes
Zeichen ist. Es gab auch hinter den einzelnen Gerichten eine Art Chilli-Barometer, so
möchte ich es nennen. Das heißt von 1 bis 5 des Schärfegrades. Da ich persönlich sehr
empfindlich gegenüber Scharfem bin, wählte ich den schwächsten Grad aus nämlich
Nr. 1. IRO, der so eine Art „Homer“ Simpson wie in dieser berühmten Chilli-Episode ist,
wollte gleich Grad 5 ordern, als sofort das No-Go von dem Kellner kam. Er machte diese
berühmte Handbewegung, wenn man sich mit der flachen Hand durch die Kehle, äh
pardon über die Kehle fährt, um anzudeuten, dass das keine gute Idee ist, zumindest
wenn man keinen durchdachten Selbstmord begehen will. Er sagte, dass Nr 3 dann völlig
ausreichend wäre. Murrend stimmte IRO seinem Vorschlag zu, um sich bei mir leise zu
beschweren so in dem Ténor: die würden nicht unseren IRO kennen. Also das Essen kam
und ich machte mich genüsslich über mein Essen her. IRO tat desgleichen und war voll
des Lobes – endlich hatte mal jemand es geschafft, ihn an seine physischen Grenzen zu
bringen. Ich hatte ja keine Ahnung! Es fing damit an, dass IRO wild gestikulierend nach
dem Kellner winkte. Er verlangte plötzlich ein grooooßes Bier, obwohl wir eine Flasche
Roten auf dem Tisch hatten. Auf Nachfrage meinerseits winkte er ab und und schien
auch plötzlich Sprachprobleme zu haben. Ich konnte das nicht nachvollziehen, weil wir
doch gar nicht so viel getrunken hatten. Er bestand auf Eile, nach dem Motto: „ich hatte
doch vor 10 Sekunden ein Bier bestellt – wo bleibt das!“ Ich sprach ihn direkt an, worauf
ich ein Wort wie „ouuchschaaaaf“ zu hören bekam. Zuerst hab ich das als Kompliment an
den Koch gedeutet – dem war aber nicht so. Ich begriff allmählich, dass IROs Zustand
sich verschlechterte. Von „gut drauf“ auf „Hilfeeee“. Wie ein Barometer, das plötzlich in
die Regenzone abgleitet und keiner weiß so recht, warum.
Ich habe gemütlich zu Ende diniert und diesen hilflosen Greis bedauert.
Selbstüberschätzung gepaart mit Unwissen und dem Hang zur Selbstzerstörung,
erbringen im Endeffekt diese Situation.
Nachdem sich IRO wieder gefangen hatte, kam sein alter beißender Humor zurück. Er
wollte noch einen Mönch begraben. „Oh ha“, dachte ich, „was will er mir wohl damit
sagen?“ Was ich nicht wusste, war, daß er wusste, es gibt einen uralten indischen Rum,
der nicht von dieser Welt zu sein scheint, eben „OLD MONK“ Ein Getränk wie ein Gebet.
3 Gläser und all dein Leid ist vergessen. So war es auch bei IRO. 200 Pfund insgesamt
sind für London ein Klacks. Wir waren sehr gut drauf, auch dank eines unerlaubten
Doping-Mittels, das ich eingeschleppt hatte. Das war dann die wirkliche Geburtstag
Überraschung, die ich in petto hatte. Geschmuggelt an Körper Gnaden, hatte ich ein
kleines Piece, so etwa für 3 Joints geschmuggelt. Vorher heimlich gedreht und ihm dann
auf dem Weg zu einem Club angezündet gereicht. Er war baff, gerührt und fast den
Tränen nahe, nein :“Smoke gets in your eyes!
Stoned und zufrieden sind wir dann zum Taxi – es sind meistens diese alten Taxis, die
man aus den entsprechenden Filmen kennt. Wir saßen hinten sehr bequem, es waren
englische Taxis. Doch wir bekamen uns wegen irgendetwas in die Haare. War es der Suff
oder nur ein Missverständnis. Auf jeden Fall, weiß ich noch dass ich dem Droschken
Meister noch 30 Pfund gab und dann IRO mit einem Seit-Fallwurf aus dem Taxi
beförderte. Wir landeten direkt vor dem Forum-Hotel und wir waren froh, dass es dunkel
war und nur der Taxi-Fahrer etwas mitbekommen hat. Ich glaube für den war das eine
ziemlich normale Situation. Der hat bestimmt schon fast alles erlebt.
Also IRO klopfte 3-mal auf den Boden, was ich als Aufgabe wertete und lockerte meine
Griff und was macht die Ratte, na was, er schnellt nach oben und haut mir seinen
Ellenbogen voll in die Rippen. Ich sach:“Aaaaauh, du dumme Sau“ und ziehe meine
rechte Rückhand durch, die ihn voll traf und da tat er mir schon wieder leid . Er sackte
zur Seite und brabbelte vor sich hin. „Schluss jetzt“ schrie ich und hob ihn auf. Wir
gingen ins Hotel auf das Zimmer und rauchten den zweiten Joint. Entspannung brach
sich Bahn und wir konnten wieder lachen. Geiler Geburtstag.
Den nächsten Tag machten wir Sight-Seeing. Einmal quer durch London. Es war
erstaunlich warmes Wetter und wir schlenderten auf den „Buckie“ zu. So ein Anwesen
mitten in der Stadt, sämtliche Immobilien-Makler müssen doch die Tränen in den Augen
stehen, wenn sie diese Verschwendung sehen. Da ließen sich doch Milliarden machen.
Nun gut – IRO und ich schauen uns das alles vor dem Zaun an. Professionelle, also
staatliche Fotografen, werben die Touristen für Fotos und so hatten wir das dann auch
gemacht. Der Typ erschien uns ganz vertrauenswürdig und außerdem hatte er einen
Ausweis.
Das heißt ja letztendlich nichts – trotzdem gaben wir ihm nach der Fotosession 20 Pfund
und er wollte unsere Adressen – es gab noch keine mail-Dateien-Übertragung, wissen,
um uns nach Entwicklung der Bilder, diese zusenden zu können. Als ich dann sagte, dass
ich im Hellkamp 86 wohne, begann er zu grinsen und wollte sich gar nicht wieder
einkriegen: „Hey man oh you live in hell?“ und da begann ich zu begreifen, dass da u.U.
etwas dran sein könnte. Aber erst einmal war ich in London. Und bei dem selben Typen
kam von mir ein wunderbarer Fauxpas. Mein Schul-Englisch hat hier versagt. Nebenbei
fragte ich ob:“can we go to the Tower by feet?“ Das kreischende Gelächter von ihm und
IRO möchte ich allen ersparen. Oh Mann, was für eine Niederlage.
Der Tower später war toll – dieser riesige Innengarten mit den vielen Krähen auf dem
Rasen. Schon beeindruckend. Der Tower selber auch. Die Torture-Chambers hatten schon
was. Die wussten schon damals, und auch zu früheren Zeiten schon, wie man Menschen
am effektivsten Schmerzen zufügen kann. Jaa – darin ist der Mensch ein Meister und
solange es Menschen gibt, wird sich das nicht ändern.
Danach kam das Kontrastprogramm: Die Kronjuwelen. Man wurde förmlich durchgejagt
durch diesen Raum, der viele Milliarden schwer ist – vom ideellen Wert wahrscheinlich
unbezahlbar. Der Koinoor und andere Kostbarkeiten, die eigentlich nur zeigen, wie
Menschen immer wieder ausgebeutet wurden. Kolonialdiktatur: Wie immer. Bis Gandi
kam – da war der Spuk vorbei.
IRO und ich sind am letzten Abend noch ins PIPS gegangen. Einen getrunken und die Live
Karaoke-Show bewundert. Ich hab auch nochmal ins Mikro gehaucht, unter tosendem
Applaus der Gäste.
Na ja, als dann die Trennung kam, so von einer Stunde auf die andere, ich war gerade
wieder in der Bücherei und freute mich auf das Wochenende – weil wir auch dort nicht
arbeiten mussten, als die Tür aufging und mir ein Beamter mitteilte,dass ich aufgrund
der Umstände sofort meine Arbeit in der Bücherei niederlegen musste. Zack!! Das sass.
Ich wurde dann sofort auf eine NichtsromZelle verlegt und sass da mit meinem
angenähten Hals. Einen Tag später kam dann dieser wirklich freundliche Beamte, der für
die Zellenarbeit zuständig ist und fragte mich, ob ich Lust hätte Tüten zu kleben oder
Kugelschreiber zusammensetzen. Der Rest ist bekannt und ehrlich gesagt war ich ganz
dankbar eine Nebentätigkeit zu haben, die ja auch letztlich auf die Rente angerechnet
wird, das entscheidende ist nicht das Geld, sondern die Zeit die angerechnet wird.———–
Natürlich hat man auch eine Menge Zeit so seine Gedanken schweifen zu lassen. Es
tauchen Gedanken auf, die schon so etwas wie grundlegender Natur sind.
Ich hab mir mal überlegt, dass es doch durchaus wahrscheinlich ist, das alles in der Welt
und im Universum und was weiß ich nicht noch wo, gleichzeitig passiert. Wie ein
pumpendes Krafwerk kommt die Welt und vergeht fast gleichzeitig wieder um dann
erneut von vorn zu beginnen. Der sogenannte ewige (kosmische) Kreislauf. Es ist quasi
wie ein Film, eine DVD, bei der unten immer der Zeitbutton mitläuft und den man
vorwärts oder rückwärts bewegen kann. Der Film ist schon da, wir können nur wenn wir
wollen den Zeitpunkt verschieben, weil es ihn gar nicht gibt – alles ist gleichzeitig da.
Da das menschliche Gehirn für diese Art Sinneswahrnehmung nicht geschaffen ist, hat
sich so langsam ein lineares Weltbild herauskristallisiert. Also ganz langsam, damit unser
Gehirn dem folgen kann. Soweit ich weiß müssten wir aufgrund unserer Augenlinsenform
auch alles auf dem Kopf sehen, das wäre normal, weil die Linse so beschaffen ist. Da wir
aber dann immer mit den Beinen in derLuft hängen würden, hat es das Gehirn geschafft,
diese Situation für uns scheinbar zu entschärfen. Aber was wäre, wenn wir alles auf dem
Kopf sehen würden, das wäre doch gar nicht schlimm – der Mensch gewöhnt sich an
alles. Tja und irgendwann ist das normal. Und so sehen wir das jetzt. Wir denken: so ist
es normal. Wir haben es nie anders kennengelernt. Oder doch? Vielleicht im Mutterleib.
Da passieren mit einem heranwachsenden Kind doch auch scheinbar unmögliche Dinge.
Wir sind dort Kiemenatmer, weil wir ja alle ursprünglich aus dem Wasser kamen –
zumindest die meisten. Urgene in uns seit gaaaanz langer Zeit. Neandertal-Gene ja
auch. Jedenfalls stand das in dem Gen-Thriller von Lubbadeh: Neanderthal. Absichtlich
mit einem „h“, um darauf hinzuweisen, dass die Neandertaler in dem Buch quasi eine
Neuzüchtung oder Wiederzüchtung dieser Neandertaler sind. Spannendes Ding, dieses
Buch. Auf jeden Fall werden während der 9-monatigen (Geburts)-Schwangerschaftsphase
alle Evolutionsschritte im Zeitraffer durchlaufen. Irre was? Durch Zellteilung wird ein
neues Leben geschaffen, quasi ein neues Universum und das geschieht millionenfach auf
der Welt – jeden Tag! Wenn ich mir vorstelle, dass jede Zelle eines Neugeborenen ein
eigenes Universum darstellt – uhh dann wird mir schwindlig. Wir denken wir sehen das
Universum, doch wir sehen immer uns selbst. WEITER AUSFÜHREN!!
Ein weiterer Gedanke, der mich ab und an beschäftigte war, dass irgendwann einmal der
Mensch abgelöst wird von ganz komplizierten Androiden, also das Gehirn wird auf dem
Androiden hochgeladen und der Androide kann alles was der Mensch kann, nur viel
besser. So ging das etliche Jahrtausende, bis plötzlich eine Gegenbewegung, vielleicht
auch so eine Art Untergrundbewegung auftauchte. Diese Androiden wollten wieder
menschlich sein, also ganz aus Fleisch und Blut, um wirklich zu fühlen! Und zu erleben,
was es heißt menschlich zu sein. Das Leben wieder als Abenteuer zu begreifen und zu
erleben. Auch das Geheimnis des Todes u.U. zu erleben mit vollem Risiko. Diese
Bewegung fand heraus, dass sie alles und noch viel mehr konnten als damals die
Menschen, jedoch begriffen sie langsam, dass ein Android wohl etwas merken konnte,
aber dass das Fühlen doch noch etwas ganz anderes war. Da wollte diese Bewegung hin,
aber das technisch zu realisieren war eine große Herausforderung. Im Prinzip ist das die
Pinoccio-Geschichte auf einer anderen Ebene. Natürlich wollten das nur wenige und
damit begann der Streit. Revolution – Konterrevolution, Intrigen, Verschwörungen,
Auslöschungen. Genau wie früher bei den Menschen auch. Also doch keinen Schritt
weitergekommen? Selbst Androiden können Zicken sein. Keiner weiß das besser als mein
Freund PKD – Philip K. Dick. Ein ganz Großer. Hab mir das Kompendium mit seinen 118
Kurzgeschichten bei 2001 gegönnt. Also es gibt auch Geschichten, die Leerlauf hatten,
jedenfalls kam es mir so vor, aber die meisten Geschichten sind echt klasse. Er hat einen
eigenwilligen Stil, da muss man sich erst einlesen, weil viele Geschichten einfach
irgendwo anfangen und irgendwo enden. Keine klassische Erzählweise ,indes auch nicht
notwendig denn seine Ideen sind eigenwillig, regen aber sofort zum Denken an: was
wäre wenn… Philosophisch und religiös geschult ist der Mann auf alle Fälle. Das bringt
mich dann wieder auf den Gedanken, dass wir mit unseren technischen Mitteln in der
Lage sind immer tiefer ins Universum zu blicken, aber es auch gefühlsmäßig zu erfassen,
das fällt uns, oder zumindest den meisten, sehr schwer. Wir denken in Kategorien wie:
Höher, Tiefer, Weiter! Also sportlich. Diese Sachen sind natürlich in den Medien viel
präsenter (Hubble), als die Suche nach dem Spirituellen. Die Smaffo-Autisten sind
deshalb auch ganz überwiegend an diesen sportlichen Dingen interessiert – wenn
überhaupt.
Das Universum in sich selbst zu entdecken – das wäre eine große Sache. Eine ganz lange
Reise ins Ungewisse, sozusagen ein Abenteuer. Eigentlich müsste das dem auf Action
getrimmten Zuschauer doch neugierig machen. Ist natürlich auch etwas Arbeit. Muss man
was tun und nicht nur konsumieren, nä!! Da gib es mit Sicherheit auch einge
Fortsetzungen oder? z.B. „Selbsterkenntnis Teil 5“. Also das hätte doch was. Die Zelle des
Körpers verhält sich genau wie du zur Erde. Alles Teil eines großen Lebewesens. Dass die
Erde ein Lebewesen ist, steht außer Zweifel. Ein sehr großes noch dazu. Und so ein
Lebewesen will natürlich ernährt sein. Klingt logisch. So, und deshalb gibt es uns, wir
sind der Treibstoff bzw. Die Nahrung für die Erde, damit sie sich auch morgen noch
schwungvoll weiter drehen kann. Jeder versteht das, aber keiner möchte Nahrung sein.
Aber es gibt da kein Entkommen. Trotz Smaffo oder Sci-Fi und auch Wissenschaft: keiner
kommt hier lebend raus! Wir dienen alle dem einen Zweck: Nahrung zu sein. Das können
wir auch nicht durch Kriege oder radikale Umweltzerstörung verhindern. Im Endeffekt
reisst uns die Erde den Arsch auf. Und da gibt es kein „Gut“ oder „Böse“. Die Erde lacht
sich schlapp: „egal“ sagt sie: „hauptsache tot“. Oh, das ist nicht ganz richtig, denn unsere
Energie, die wir ausstrahlen, nutzt die Erde selbstverständlich auch. Je mehr
Geistesblitze die Menschheit produziert, desto mehr Energie für die Erde. Das nutzt sie
z.B. für große Umweltkatastrophen, wenn die Menschheit zu frech zu werden droht.
Ja dann, dann gibt’s was auf die Mütze. Wir liefern die Energie für unsere eigene
Vernichtung. Es gibt Momente, in denen ich das tröstlich finde. Auch wenn ich an die
Entwicklung der Menschheit denke über Herrscher, Kaiser, Könige und dazwischen später
immer eine Art Papst. Dann kam die Stunde der Diplomaten und später wurden daraus
Politiker. Die natürlich immer für die Rechte kämpften. Die Rechte der Bestimmer.
So war und ist es immer schon gewesen. Fast auch ein Naturgesetz. Erzähl mir Neues
sprach der Hippie zum Hipster. Das musst du mir schon erzählen entgegenete dieser. Aus
alt wird Neu.
Das gilt ja praktisch für alles – auch für die Musikindustrie. Es gibt zwar einige
Nischenprodukte, doch ansonsten immer der alte Wein in neuen Schläuchen. Na ja jede
Generation will von jungen Sängerinnen die Liebe neu entdeckt wissen. Da kannste
denen heutzutage nicht mit Elvis kommern. Da müssen moderne voluminöse
Produktionen entworfen werden. Geplänkel kommt nicht mehr an.
WEITER AUSFÜHREN!!
Man macht sich über vieles so seine Gedanken. Man hat ja auch die Zeit. Doch
irgendwann, wenn man es nicht erwartet, kommt plötzlich das Ende. Das Ende der U
Haft. Nach der Mittagspause am 15.04.1994 ging ich wieder in die Bücherei, um meiner
Arbeit nachzugehen als ein Beamter in der Bücherei auftauchte. Er meinte nur, dass ich
mitkommen soll, ohne anzudeuten was los ist.
Ich ging also mit auf meine Etage und der Chef, sozusagen, dieser Abteilung, ein wirklich
fairer und wohlwollender silberhaariger Mann, nennen wir ihn Herr A., eröffnete mir,
dass ich aus der U-Haft entlassen werde. Ich war total geschockt und wußte nicht, was
ich sagen sollte. Tränen liefen mir über das Gesicht, die ich erst später wahrnahm.
“ Packen Sie ihre Sachen und gehen Sie auf die Habekammer, um den Rest abzuholen.
Beeilen Sie sich, weil gleich Feierabend hier ist und denken Sie daran, dass heute Freitag
ist und am Wochenende ist hier nichts besetzt.“ Ich zitterte und ging zuerst zur
Habekammer und holte meine Sachen ab. Danach bin ich auf meine Zelle und suchte
meine Habseligkeiten zusammen. Es ist erstaunlich, wie viel man auch hier in U-Haft
ansammelt. Fernseher, Radio und zwei volle blaue 240 l Beutel kamen das zusammen.
Dann erfuhr ich noch zum Glüch rechtzeitig, dass ich mein Konto noch leerräumen sollte,
d.h. mein Geld, dass ich noch übrig hatte abholen sollte und das klappte ganz knapp
noch. Immerhin DM 240 wurden mir ausgezahlt, die ich auch redlich verdient hatte.
Wie in Trance nahm ich meine Habseligkeiten und bekam meine Entlassungs
Bescheinigung und wurde durch die zahlreichen Sicherheitstüren durchgeschleust. Dieses
Mal klangen die Schließgeräusche wie Freiheitsglocken und erfüllten mich mit Euphorie.
Schließlich gelangte ich zum Ausgang am Holstenglacis und sagte dem letzten Beamten
vor meiner Freiheit, dass ich entlassen würde. Ihn kannte ich auch aus meiner Abteilung.
Er guckte michan und meinte: „Das kann doch gar nicht sein, Sie sind doch so lange hier
und gehören doch schon zum Inventar“. Dann lachte er und wünschte mir alles Gute.
Ich bat ihn, auf meine Sachen kurz achtzugeben, weil ich mir draussen ein Taxi bestellen
wollte. Wie gesagt, es war der 15. April 1994 und es war ein wunderschöner Tag. Es
waren schon 20 Grad Celsius und mich empfing ein strahlend blauer Himmel.
Ein Taxi war schnell gefunden und ich bat den Fahrer mit mir zum UG zu fahren. Das war
anscheinend nichts Ungewöhnliches für die Taxifahrer und so lud ich meine Habe ein und
fuhr zum Hellkamp, wo mich keiner erwartete.
Ich klingelte an der Tür und ging dann zurück um meine Sachen auszuladen. Inzwischen
hatte A. Schuster geöffnet und konnte nicht glauben, dass ich es war. Die ganz große
Wiedersehensfreude war es nicht, da wir zwischdurch getrennt waren und ich später per
Brief erfuhr, dass wir wieder zusammen waren – ohne mein Zutun.
In der Wohnung waren auch Wolfgang und Peter M., die gemütlich bei einem Bier
zusammensassen. Ich kannte die beiden und ich wußte auch, dass A. Schuster früher
einmal mit Peter verheiratet war und Wolfgang ihr Zwischendurch-Partner war.
Das tangierte mich zu meiner eigenen Überraschung wenig, weil es doch Wolfgang war,
der die Liason beendet hatte, weil er das eigentlich nicht korrekt fand. Wolfgang war
auch derjenige, der mir in seiner kleinen Firma einen Job anbot, damit ich beim
späteren Prozess einen Arbeitsplatz vorweisen konnte. Die Junx waren schon in Ordnung.
Nach 18 Monaten trank ich mein erstes Bier und es schmeckte sehr gut, sogar das zweite
noch. Und dann kamen so Fragen, wie es denn dort drinne zuging. Ich antwortet: „Besser
als manvermuten würde“. Das stimmte auch irgendwie. Ich kann nicht sagen, ob ich ein
bestimmtes Geschick oder Veranlagung hatte diese Zeit ohne offensichtliche Schäden zu
überstehen. Ich wußte nur, dass ich irgendwann rauskommen muss. Das Leben ging auch
im UG weiter. Da alle Freunde zu mir hielten, die so zahlreich sind, dass ich sie nicht
alle aufzählen kann ohne Gefahr zu laufen einen oder eine zu vergessen, aber sie wissen
alle wer gmeint ist und dafür bin ich immer dankbar, weil sie der Schlüssel waren, dass
ich diese Zeit gut überstanden habe.
Das ist nur die Kurzfassung!! Den Prozess muss ich auch noch mit einflechten.
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